Österreich impft oder warum Aufklärung alleine zu wenig sein kann

Um die immer noch bestehende Impfskepsis in Österreich zu bekämpfen, startete das Rote Kreuz, wie die Medien berichteten, im Auftrag der Bundesregierung eine Informationskampagne zur Corona-Schutzimpfung unter dem Aufruf oder Slogan „Österreich impft“. Nur das ist alles andere als eine leichte Aufgabe. So ist Werbung zwar ein mächtiges Instrument, um bestehende Meinung zu verstärken. Werbung kann aber massiv nach hinten losgehen, wenn man damit bestehende Meinungen ändern will. Das gilt speziell dann, wenn es um kontroverse Themen geht. So wird keine Apple Werbung der Welt einen Apple-Basher umpolen. Vielmehr wird jede Apple Werbung einen Apple-Basher an seine Antipathie gegenüber der Marke erinnern und diese damit verstärken.

Ablehnung statt Zustimmung

So wird diese Kampagne rund um Experten, die später auch von Prominenten ergänzt werden sollten, auf drei verschiedene Zielgruppen treffen:

(1) Menschen, die sich unbedingt impfen lassen wollen: Bei dieser Zielgruppe wird eine Pro-Impf-Kampagne zu hundert Prozent wirken, weil deren Meinung bestätigt wird.

(2) Menschen, die sich aktuell sicher nicht impfen lassen wollen. Bei dieser Zielgruppe wird fast jede Kampagne die genau gegenteilige Meinung hervorgerufen. Damit wird der Wille, sich nicht impfen zu lassen, nur verstärkt.

(3) Menschen, die sich nicht sicher sind. Und genau hier können Argumente alleine – egal ob dafür oder dagegen – oft mehr verunsichern als Sicherheit geben. So gesehen ist Aufklärung alleine sicher zu wenig.

„Schlüsselbild“ statt Argumente

Dazu sollten wir einen Blick auf TTIP, also auf das einst geplante Transatlantische Freihandelsabkommen werfen. Es mag tausend sachliche und auch polemische Argumente dafür gegeben haben. Es mag auch tausend sachliche und auch polemische Argumente dagegen gegeben haben. Nur ein Schlüsselbild war weitaus stärker als all diese Argumente, nämlich das Chlorhuhn.

Was aber könnten dann das oder die Schlüsselbilder für eine Corona-Impfung sein? Dazu müsste dieses Schlüsselbild oder diese Schlüsselbilder zwei Funktionen erfüllen: (1) Es müsste den Menschen, die sich nicht sicher sind, ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. (2) Es müsste das Weltbild der Impfgegner ein wenig durcheinander bringen.

Der Testimonial-Faktor

So gesehen ist es eine extrem gute Idee, dass man neben Experten vor allem auch in weiterer Folge auf prominente Testimonials setzen will. Nur eines müsste dabei unbedingt beachtet werden: Ideal dazu wären Stars oder Promis mit vielen Fans aus allen, wirklich aus allen Impflagern, die sich aktiv positiv zur Corona-Impfung äußern und sich dann natürlich auch in späterer Folge impfen lassen. Stars könnten so diese Art von Schlüsselbild werden. Ein mögliches Thema dazu, das speziell auch Künstlern entgegen kommen würde, wäre: „Stopp den Lockdowns, lass Dich impfen.“

Stars und Promis würden auf der einen Seite den Herdentrieb der Menschen verstärken. Sie würden auf der anderen Seite bei so manchem Fan, der Impfgegner ist, einen subtilen inneren Konflikt auslösen. Das ist die eine Seite. Natürlich wäre es somit auf der anderen Seite aus Sicht der Regierung fatal, wenn sich viele Stars nicht nur nicht impfen lassen würden, sondern dies auch lauthals kundtun. Nicht umsonst meinte die Psychologin Ulrike Schiesser in einem Interview: „Wenn sich Gabalier nicht impfen lässt, haben wir ein Problem.“ Noch größer wäre das Problem, wenn er und viele andere Promis dies bereits jetzt auch sagen würden. So gesehen sind jetzt nicht nur die Regierung, sondern auch viele Prominente in der Verantwortung.

Erschien im Original gekürzt im Kurier vom 27. 1. 2021

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2 Antworten zu Österreich impft oder warum Aufklärung alleine zu wenig sein kann

  1. Yannic schreibt:

    Fühlen sich dann die Verbraucher nicht erkauft?

    Weil Ogilvy hat mal in seinen Bücher beschrieben, dass seine Kampagnen mit prominenten Testimonials alle am schlechtesten liefen.

    Auf der anderen Seite – ich bin zwecks impfen neutral – hat es mich eher positiv bestärkt, als Maschmeyer sich Pro-impfen ausgesprochen hat.

  2. michaelbrandtner schreibt:

    Interessant dazu sind vor allem auch die Bücher von Robert Cialdini, der sehr schön aufzeigt, wie der Herdentrieb wirkt. Natürlich ist es entscheidend, dass man die richtigen Testimonials verwendet. Boris Becker für eine Baumarktkette war zum Beispiel keine gute Idee.

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