Nicht jede Marke kann eine neue Kategorie finden oder erfinden, aber wie das Prinzip der Dualität zeigte und zeigt, ist in der Wahrnehmung der Kunden in der Regel immer Platz für eine erste echte Alternative zum Marktführer. Wenn man diese Position anstrebt, sollte man genau die gegenteilige Position des Marktführers besetzen.
Musterbeispiel BMW
In den 1960er Jahren war Mercedes-Benz der Inbegriff für Prestige und damit verbunden auch für Fahrkomfort. Ein Mercedes war eine Art „fahrendes Wohnzimmer“. Also positionierte sich BMW sehr erfolgreich mit der genau gegenteiligen Position, nämlich Fahrfreude. Lautete der Slogan zuerst „Aus Freude am Fahren“ wurde dann später daraus der Langzeitslogan „Freude am Fahren“.
Mit dieser Idee „Fahrfreude“ bot BMW nicht nur eine klare Alternative zum „Fahrkomfort“ von Mercedes, sondern man stieg damit sogar immer wieder zum Weltmarktführer bei Premiumautomobilen auf. Entscheidend bei dieser Art der Positionierung ist aber immer, dass man nicht jemanden wie etwa beim „Dirty Campaigning in der Politik“ schlecht macht, sondern, dass man eine echte positive Alternative aufzeigt.
Vom Monster Energy bis zu TikTok
Red Bull wurde mit dem ersten Energydrink in der kleinen 250 Milliliter Dose zum Welterfolg. Also führten die meisten Mitbewerber ebenso einen Energydrink in der kleinen Dose ein, zudem noch mit einem ähnlichen Namensgebungsmuster. Typische Beispiele dafür: Flying Horse, Power Horse, Dark Dog oder Shark. Anders Monster Energy! Monster konterte als erste Marke in den USA mit der ersten 500 Milliliter Dose, um sich wirklich als „echtes Monster“ bei Energydrinks zu positionieren. Obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits über tausend Energydrink-Marken in den USA gab, wurde Monster Energy schnell zu einer starken Nummer 2.
Dieses Prinzip kann man sogar nutzen, wenn man sich als Einzelkämpfer gegen einen Gesamtmarkt positioniert. Nichts anderes machte und macht aktuell der Fitnesstrainer Mark Lauren, der sich mit „Fit ohne Geräte“ als die Alternative zu den klassischen Fitnessstudios positioniert. Martin Limbeck stieg zu einem der erfolgreichsten Verkaufstrainer Deutschlands auf, indem er sich als „Der neue Hardseller“ gegen das damals extrem populäre Soft- und Love-Selling positionierte.
Entscheidend dabei ist, dass man aus dem mentalen Schatten kommt, um sich wirklich als die eine echte Alternative zum Marktführer oder zum Markt zu präsentieren. So hatte auch Burger King seine besten Zeiten, als man auf „gegrillt statt gebraten“ setzte, um sich klar von McDonald’s zu differenzieren. Oder nehmen Sie TikTok! Anders als Vimeo wird TikTok nicht als Kopie von YouTube, sondern als echte Alternative wahrgenommen und hat so mit der Idee „Kurzvideo“ einen eigenen Platz in unserer Wahrnehmung.
Den unlogischen „Gegner“ wählen
Dabei kann es sogar Sinn machen, dass man einen auf den ersten Blick unlogischen mentalen Gegner wählt. Nehmen Sie etwa die Etablierung der Automarke Dacia in Deutschland. Offensichtlich wäre wahrscheinlich gewesen, sich gegen Skoda, Kia oder Hyundai zu positionieren, um aufzuzeigen, dass es im günstigen Segment einen neuen Player gibt.
Hier war es sicher strategisch brillant, dass man sich in der Einführungsphase gekonnt gegen Statussymbole positionierte. So erinnern sich sicher auch heute noch viele an die Kampagne mit dem früheren Bayern München-Star Mehmet Scholl. Die damaligen Spots zeigten klar auf, dass Dacia das Statussymbol für all jene war, die kein Statussymbol brauchten. Mit dieser Anti-Status-Positionierung, die so mit Scholl dann über 10 Jahre lief, etablierte man die Marke erfolgreich und einzigartig in Deutschland.
Was Al Ries 1997 Saab empfohlen hätte
1997 diskutierten Al Ries und ich dieses Prinzip des Gegenteils anhand der schwedischen Automarke Saab beim Abendessen in einem Kölner Hotel. Al meinte damals zu mir: „Michael, Saab steht heute für eine schwedische Marke. Das wäre nicht schlecht, wenn man die führende schwedische Marke wäre. Aber das ist Volvo. Wofür steht Volvo? Das ist die Frage, die sich Saab daher stellen muss.“
Die Antwort darauf war und ist offensichtlich: Volvo steht als Automarke klar für Sicherheit. Was sollte also Saab tun? Dazu führte Al damals weiter aus: „Saab sollte die genau gegenteilige Position zu Volvo einnehmen. Was ist das positive Gegenteil zu Sicherheit? Fahrfreude. Nur diese Position besitzt BMW. Also sollte Saab den Fokus noch weiter verengen auf: The Swedish Driving Machine.“
„Fahrfreude auf schwedisch“ wäre keine schlechte Idee gewesen, um sich am damaligen Automarkt klar zu differenzieren. So hätte Saab diese Positionierung etwa dadurch unterstreichen können, dass man alle Autos serienmäßig mit Allradantrieb ausgestattet hätte. Saab könnte so heute als Automarke noch unter uns sein, wenn man den Mut gehabt hätte, die Marke aus Positionierungssicht auf den Punkt zu bringen.
„Besser anders“ als „besser als“
Viele Herausforderer scheitern, weil man gerne so wie der Marktführer wäre, nur besser und in der Not oft auch besser und billiger. Speziell Konzepte wie TQM (Total Quality Management), Kaizen oder Benchmarking mögen operativ extrem viel Sinn machen. Strategisch gesehen führen sie aber meistens nur zu Me-too.
Keine gute Idee! Strategisch gesehen sollte man immer auf „besser anders“ als auf „besser (und billiger) als“ setzen. So findet man als Herausforderer in der Regel die besten Ideen, wenn man sich als das „positive Gegenteil“ des jeweils wahrgenommenen Marktführers positioniert. Nur dazu muss man zuerst die Position des Marktführers in der Wahrnehmung erkennen und akzeptieren, um dann bewusst und fokussiert die gegenteilige Position einzunehmen.
