Wenn ein Begriff die digitale Markenwelt in den letzten Jahren geprägt hat, dann war das mit Sicherheit „Performance-Marketing“. Es versprach schnelle und vor allem messbare Umsätze und hoffentlich auch Gewinne. Nur mussten gleichzeitig viele Unternehmen erkennen, dass man so die eigene Marke „ausnutzte“ statt für die Zukunft ausbaute. Nicht umsonst gibt es bereits den klaren Gegentrend in Richtung „zuerst Marke, dann vielleicht Performance“.
Dieser Trend zurück zur Markenorientierung wird durch die KI-Suche mit Sicherheit noch einmal massiv verstärkt werden. So zeigt auch die neue Roland-Berger-Studie „The consumer playbook is changing“, dass die KI bei Kaufentscheidungen bereits heute eine immer größere Rolle spielt und in Zukunft spielen wird. Dazu hieß es auf Horizont Online in Bezug auf diese Studie: „Im Durchschnitt nutzen 70 Prozent der 18- bis 64-Jährigen KI regelmäßig zur Produktrecherche, bei den 18- bis 24-Jährigen sind es bereits 93 Prozent.“
Doppelt im unprofilierte Mittelfeld
Die KI-Tools werden so mehr und mehr zur vorgelagerten Instanz der Kaufentscheidung. Es geht weg vom (bezahlten) Suchergebnis hin zur Empfehlung, oft auch zur Empfehlung nach einem Dialog zwischen Mensch und Maschine. Das heißt aber auch: Marken, die für die KI bei konkreten Fragestellungen nicht relevant sind, werden für die Konsumentinnen und Konsumenten bei der KI-Suche „unsichtbar“.
Anders ausgedrückt: Wer in diesem Umfeld keine klare Positionierung und damit Position hat, wird in Zukunft doppelt im unprofilierten Mittelfeld feststecken, einmal in der menschlichen Wahrnehmung und dann zudem bei den KI-Antworten. Genau deshalb sollte man bei der Markenpositionierung die folgenden 6 Rs im strategischen und operativen Auge haben:
R wie Ranking
„Wie geordnet oder ungeordnet ist Ihr Markt aus Kundensicht?“, diese Frage stellen sich viele Markenverantwortliche wahrscheinlich viel zu selten. Dabei kann genau diese Frage und vor allem die Antwort darauf ganz wesentlich darüber entscheiden, welche Wertschätzung und Wertschöpfung die eigene Marke für das Unternehmen in Summe liefert.
Dazu sollten wir uns zwei Märkte kurz ansehen, nämlich einmal den Markt für Smartphones und dann den Markt für klassische PCs oder Notebooks. Wer heute an den Kauf eines Smartphones denkt, denkt wahrscheinlich spontan einmal an das iPhone von Apple und dann an das Samsung Galaxy. Das sind die beiden mental führenden Marken und dahinter folgt der Rest des Feldes. Wer heute an den Kauf eines klassischen Notebooks oder PCs denkt, dem fallen vielleicht Marken wie HP, Lenovo, Dell oder Acer ein. Aber im Gegensatz zum Smartphone-Markt gibt es keine so klare mentale Rangordnung. Wer weiß schon wirklich, wer bei Notebooks die Nr. 1, die Nr. 2, die Nr. 3 oder Nr. 4 ist.
Damit sind wir aber bei einem ganz wichtigen Punkt: Je mehr mentale Ordnung in unseren Gehirnen vorherrscht, desto stärker wirkt das Prinzip Marke bei Kaufentscheidungen. Heißt gleichzeitig aber auch: Je weniger mentale Ordnung herrscht, desto ähnlicher werden Marken wahrgenommen und desto wichtiger werden andere Kaufentscheidungskriterien wie etwa auch der tiefe Preis.
Das heißt aber auch, dass man für die eigene Marke – noch stärker als heute – eine eigene mentale und dann tatsächliche Führungsposition anstreben sollte, wenn man in der menschlichen Wahrnehmung und in der KI-Suche gewinnen und nicht verlieren möchte. Das wiederum erfordert, dass man klar definiert, wofür man steht und wofür man nicht steht.
R wie Reduktion
Viele Marken verkaufen sich heute unter ihrem Potenzial, weil man mit der eigenen Markenpositionierung niemanden „abschrecken“ möchte. Die Folge davon: Man spricht aber auch niemanden mehr richtig an. Das heißt aber auch: Jede starke Markenpositionierung erfordert „Opferbereitschaft“. Es geht darum, dass man für das menschliche Gehirn und auch für die KI genau definiert und artikuliert, wofür man steht und wofür nicht.
Vergleichen Sie BMW mit Opel! BMW steht seit den 1960er Jahren konsequent für Fahrfreude. So ist „Freude am Fahren“ viel mehr als nur ein Slogan, es ist die grundlegende Philosophie und DNA der Marke. Ganz anders Opel! Hier hatte man alleine in den letzten drei Jahrzehnten eine wahre Flut an Slogans und Modellen ohne klaren roten Faden. Die Folge: Opel wird heute – wenn überhaupt – nur als eine weitere Automarke unter vielen wahrgenommen.
Das heißt: Je genauer man die eigene Marke reduzieren und definieren kann, desto stärker ist die eigene mentale und dann tatsächliche Führungsposition. Starke Marktführer bzw. Spezialisten besitzen so ihren Markt im wahrsten Sinne des Wortes. Sie denken Cola, Sie denken Coca-Cola. Sie denken Energydrink. Sie denken Red Bull. Sie denken Elektroauto. Sie denken immer noch Tesla. Sie denken Hamburger. Sie denken McDonald’s oder vielleicht Burger King. Sie denken Brille. Sie denken Fielmann. Sie denken „Billigfluglinie“. Sie denken Ryanair. Sie denken Fernbus. Sie denken Flixbus. Sie denken im Falle des Falles „Steinschlag in der Windschutzscheibe“. Sie denken Car Glass.
Das gilt speziell auch für die Welt der Online-Marken. Sie denken „Suche im Internet“. Sie denken Google. Sie denken „KI-Suche im Internet“, Sie denken ChatGPT. Sie denken Videostreaming. Sie denken Netflix. Sie denken Musikstreaming. Sie denken Spotify. Sie denken Videokonferenz. Sie denken Zoom oder MS Teams. Sie denken „Übersetzung“. Sie denken DeepL.
Genau diese Art der Reduktion und folglich der Kategorie-Marktführerschaft wird in Zukunft noch wichtiger werden. Dabei geht es aber nicht nur darum, dass man die eigene Marke auf das Wesentliche fokussiert und reduziert, sondern dass diese Fokussierung und Reduktion auch für die Kunden und folglich für die Fragen an die KI relevant sind.
R wie Relevanz
Nur wenn man sich heute viele Marken- und vor allem Werbebotschaften ansieht, dann mögen diese kreativ und emotional sein, haben meist aber wenig Bezug zum täglichen Leben und damit auch wenig Relevanz für die KI-Suche. Emotionale Markenpenetration alleine mag in der alten analogen Markenwelt funktioniert haben, für die Welt der KI-Suche wird das alleine zu wenig sein.
Ein sehr effektiver Weg, um echte Relevanz aufzubauen, ist es, den Wettbewerb mental zu repositionieren. Nehmen Sie etwa Dr. Best! Wo wäre diese Marke heute, wenn man den Kunden nur erzählt hätte, dass es jetzt endlich eine nachgebende Zahnbürste gibt? Wahrscheinlich nirgendwo. Das Geniale an der Markenstrategie war, dass man zuerst den dominanten Wettbewerb, also die starren Zahnbürste als „starr und gefährlich“ repositionierte. Damit stellte man gleichzeitig auch einen echten Bezug zum Leben der Verbraucher her, die damals, wenn sie eine Handzahnbürste benutzten, zu 100 Prozent eine starre Zahnbürste im Einsatz hatten.
Oder nehmen Sie Gustavo Gusto! So hieß es etwa in einem typischen Werbespot der Marke: „Wann hast Du das letzte Mal eine richtig gute Tiefkühlpizza gegessen? Von Hand geformt, auf Stein gebacken und nur mit hochwertigen Zutaten belegt. Wie? Noch nie! Dann wird’s aber Zeit. Gustavo Gusto. Die Premium-Tiefkühlpizza.“
Damit repositionierte man zuerst einmal den Mitbewerb subtil als weniger gut, bevor man dann die eigene Position als „Die Premium-Tiefkühlpizza“ etablierte. Gleichzeitig stellte man in der Eingangsfrage einen echten Bezug zum Leben der Verbraucher und Verbraucherinnen her. Das mag vielen Werbern der alten Schule zu wenig kreativ sein, aber es ist enorm effektiv.
Dazu sollte man sich auch klar überlegen, a) welche Fragen Menschen wirklich in Bezug auf die eigene Marke stellen und b) ob die eigene Marke dafür auch in der Kommunikation die richtigen Antworten liefert. So wird es für Marken in der Kommunikation immer wichtiger, dass man sowohl den mentalen Kontext als auch den Kontext in der KI-Suche im Auge hat.
Erschien im Original auf Horizont Online
