Im alten Denkmodell gefangen: Muss ein eAuto wirklich wie ein konventionelles Auto aussehen?

In der aktuellen Absatzwirtschaft (6/2011) ist ein hochinteressanter Artikel zum Thema „Elektromobilität“. Die Quintessenz: So gut wie jeder namhafte Automobilerzeuger versucht, den eAntrieb in seine bestehende Automobilwelt zu integrieren. Anscheinend muss ein eAuto wie ein konventionelles Auto aussehen. Das könnte ein schwerer Denkfehler sein.

Segelschiff vs. Dampfschiff

Als die ersten Dampfschiffe aufkamen, hatten diese zusätzlich zum – damals noch unzuverlässigen Dampfantrieb – natürlich auch Segel. Es waren also typische Hybridmodelle. Wie aber der Dampfantrieb zuverlässiger wurde, entwickelten sich die Dampfschiffe vom Segelschiff komplett weg. Der Dampfantrieb erlaubte eine gänzlich andere Art von Schiff.

Kutsche vs. Automobil

Als die ersten Automobile aufkamen, hatten diese noch eine sehr große Ähnlichkeit mit den Pferdekutschen. So sprach man auch von „Motorkutschen“. Nur der Motorantrieb erlaubte und erforderte letztendlich eine gänzlich andere Art von „Motorkutsche“. So sehen heute moderne Autos ganz, ganz anders als Pferdekutschen aus.

Propeller- vs. Düsenantrieb

Die ersten Düsenflugzeuge hatten noch sehr große Ähnlichkeit mit den Propellermaschinen. Nur der Jet-Antrieb erlaubte und erforderte (vor allem auch im militärischen Einsatz) eine gänzlich andere Art der Formgebung. So sehen heute etwa moderne Kampfjets ganz anders aus als Propellerkampfflugzeuge. Sie erbringen auch ganz andere Flugleistungen.

Modernes Auto vs. eAuto

Damit komme ich zu meiner Schlüsselfrage: Wo steht geschrieben, dass ein eAuto wie ein konventionelles Auto aussehen muss? Aus meiner Warte steht sich die Automobilindustrie selbst im Weg, weil man das neue Konzept mit Gewalt in das bestehende Konzept integrieren will. So stellt sich dann zurzeit auch aus Sicht der Automobilindustrie die Frage, wie viel mehr Menschen bereit wären, für einen Elektroantrieb auszugeben. Nur genau damit verbaut man sich u. U. die eigene eZukunft und überlässt die jemand anderem.

Im alten Denkmodell gefangen

Es ist so, als ob ein Dampfschiff unbedingt wie ein Segelschiff aussehen müsste. Es ist so, als ob ein konventionelles Auto unbedingt wie eine Pferdekutsche aussehen müsste. Es ist so, als ob ein Düsenjet unbedingt wie ein Propellerflugzeug aussehen müsste. Vielleicht sollte man das eAuto der Zukunft von Null auf planen und konstruieren. Dann wäre es vielleicht auch nicht teurer, sondern viel, viel günstiger, weil man komplett neue Wege und Formen entdecken würde. Die Zukunft wird es zeigen, wie das eAuto der Zukunft wirklich aussehen wird.

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8 Antworten zu Im alten Denkmodell gefangen: Muss ein eAuto wirklich wie ein konventionelles Auto aussehen?

  1. michaelbrandtner schreibt:

    PS zu meinem Blog-Beitrag: Die Automobilerzeuger sollten nicht nur in der Kategorie „eAuto“ denken, sie sollten auch in neuen Marken dabei denken.

    Michael Brandtner
    Markenstratege und Autor

  2. Christian Lemke schreibt:

    Die konventionellen Autofirmen werden meiner Meinung nach bald durch neue, innovative und unkonventionelle Konzepte von kleinen flexibleren Firmen überholt. Sozusagen die New Economy der Automobilindustrie 🙂

  3. Klein schreibt:

    Die neuen Formen von Schiffen und Flugzeugen haben mit Nichten etwas mit der jeweligen Antriebsform zu tun, sondern lediglich mit der Tendenz die Form zu optimieren. Dabei spielt beim Autobau Aerodynamik die wichtigste Rolle, beim Flugzeigbau neben der Aerodynamik das Verhältnis der Passagiere zum Verbauch und bei der Schiffahrt neben diesen beiden Aspekten beispielsweise die Wasserverdrängung oder bei der Flussschiffahrt der Tiefgang. Alle diese Entwicklungen hätte es auch mit den alten Antriebssystemen zwangsläufig gegeben. Daher ist Ihr Gedankenspiel ein Konstrukt ohne jeglichen fundierten Hintergrund.

    • michaelbrandtner schreibt:

      Danke für Ihren Beitrag,

      dann frage ich mich aber doch, warum moderne Düsenflugzeuge anders aussehen als moderne Propellerflugzeuge. Dazu kommt, dass man mit gewissen Antriebsarten ganz andere Gexhwindigkeiten erreichen kann, die sich wiederum in der Form widerspiegeln. Bei einem Segelschiff stehen ihnen immer auch die Segel u. U. im Weg.

      Liebe Grüße

      Michael Brandtner

      • Klein schreibt:

        Wenn Sie sich die modernen Propellermaschinen beispielsweise von Bombardier anschauen (siehe beispielsweise Flotte von AirBerlin, dann finden Sie keinen wesentlichen Unterschied zu einem Düsenjet. Zumindest keineswegs in dem diskutierten Ausmaß. Leichte Unterschiede sind beispielsweise darin begründet, dass die Luftzufuhr zu einem Propeller anders gesteuert werden muss als zu einem Düsentriebwerk. Das sind in der Gesamtoptik eines modernen Flugzeuges aber eher Marginalien und können nicht zur Unterstützung einer Argumentation zu einer neuen Formenfindung dienen. Da es sich hierbei um einen außenliegenden Antrieb handelt, findet die Argumentation auch keine Anwendung auf Automobile. Die Ursache für die Form bei einem Flugzeug ist die Aerodynamik. Dabei verlangen selbstverständlich Flugzeuge unterschiedlicher Einsatzart unterschiedliche aerodynamische Beschaffenheiten. Das hat aber nichts mit dem Antrieb zu tun. Sie können heutzutage auch ein Elektroauto mit mehreren hundert PS bauen und es wird aufgrund der Geschwindigkeit die gleiche Form haben wie mit einem konventionellen Antrieb. Hier ist die Antriebsart nicht das entscheidende sondern lediglich die Geschwindigkeit. Das gilt übrigens für Autos genauso wie für Schiffe und Flugzeuge. Die Nutzung (hierzu gehört auch die Geschwindigkeit) gibt die Form vor, nicht der Antrieb.

  4. michaelbrandtner schreibt:

    Ich kann Ihre Argumente verstehen. Ich sehe nur die Gefahr, dass viele Unternehmen neue Konzepte nicht voll nutzen, weil man diese unbedingt in alte integrieren will. Das ist auch das Problem der Printmedien im Internet. Alle versuchen, ihr Printkonzept (Nachrichten sind anscheinend Nachrichten egal ob analog oder digital) ins Internet zu übertragen. Die wirklich erfolgreichen Internetkonzepte oder Internetmarken sind reine Internetkonzepte und Marken wie Google, Facebook, EBay, Groupon, Amazon, etc.. Das Problem: Printmedien denken Print und nicht Internet.

    Und damit stellt sich wieder meine zentrale Frage: Muss ein eAuto wie ein konventionelles Auto aussehen? Wahrscheinlich kann es wie ein konventionelles Auto aussehen. Das sieht man jetzt schon. Aber muss es? Oder erlaubt der eAntrieb auch gänzlich neue Möglichkeiten über das Konzept Auto nachzudenken? Man kann sicher heute ein Düsenflugzeug bauen, das wie ein Propellerkampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg aussieht. Aber kann man auch ein Propellerflugzeug bauen, das wie moderner Kampfjet aussieht und dieselben Leistungen erbringt? Und warum haben dann gewisse Antriebe andere abgelöst? Erst der Raketenantrieb ermöglichte den Flug auf den Mond und auch neue Formgebungen.

    Beste Grüße

    Michael Brandtner

  5. Ich finde die Diskussion zu wenig aus markentechnischer Sicht geführt: Ein immer wieder passendes Beispiel ist ein iPhone welches sich mit der schlichten-praktischen-schnörkellosen Formgebung anwendungstechnisch trotzdem positiv von bisherigen heterogenen Handydesigns a la Nokia absetz und somit Standards setzt. Es werden aber dennoch grundsätzliche historische Designelemente nicht über Bord geworfen. Ein bisschen ist es [wie das iPad übrigens auch] die gute alte Steintafel in mderner Form. Ich glaube, daß auch in der Autoindustrie bestehende Formen teilweise bleiben und um schnörkellose, zukunftsweisende sowie aerodynamische Akzente ergänzt.werden. Wohl dem, der hier führend Hand anlegt. Volvo hat mit dem universe-concept sicherlich gute Ideen umgesetzt, ob die es aber bis in die Praxis schaffen bleibt abzuwarten. Am ehesten müssten eigentlich die Akzente von BMW kommen. Smart hätte auch eine große Chance gehabt, wenn das Startkonzept ein anderes gewesen wäre.
    So oder so: Eine neue Marke würde dabei sehr hilfreich sein. Denn wenn, zum Eingangsbeispiel zurückkehrend ,das Smartphone von Nokia erfunden worde wäre und einfach unter dem dach Nokia z.B. als NOKI smart angeboten worden wäre, hätte das bei weitem nicht den durchschlagenden Erfolg in der Wahrnehmung der Verbraucher gehabt. Denn dies wäre zu sehr mit altem Denken besetzt gewesen!

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