Alle für Werner Faymann oder der langweiligste Wahlkampf aller Zeiten

Was unterscheidet aus Markensicht einen Wahlkampf vom herkömmlichen Wettbewerb am Markt? Die Antwort darauf ist einfach: Der große Unterschied liegt darin, dass im Wahlkampf an einem Tag (dem Wahltag) über die gesamte nächste Legislaturperiode entschieden wird. So entscheidet der 29. September in Österreich, wie die Kräfteverteilung für die nächsten 5 Jahre im Nationalrat aussehen wird.

Das heißt aber auch: Der gesamte Wahlkampf sollte so ausgelegt sein, dass man an diesem Stichtag das Maximum an Stimmen gewinnt, denn die nächste Chance kommt dann erst in fünf Jahren wieder. Wem wird dies am besten gelingen? Hier eine Analyse dazu aus Markensicht.

Die SPÖ

Was sollte ein Marktführer tun? Er sollte seine Position verteidigen, ausbauen und in die Zukunft führen. Genau das versuchen zurzeit Werner Faymann und die SPÖ, um den sogenannten Kanzlerbonus voll zu nutzen. So sind vor allem die Wahlplakate auf den Bundeskanzler und klare SPÖ-Kernthemen maßgeschneidert.

Man versucht so a) Werner Faymann als Staatsmann zu präsentieren und b) gleichzeitig Kernthemen der SPÖ zu thematisieren. Typisches Beispiel: „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“ oder „Wir kämpfen für leistbares Wohnen“. Dazu kommt immer der Slogan: „Mit sicherer Hand für Österreich“.

Fazit: Was fehlt, ist ein echtes Zukunftsthema, aber generell ist der Wahlkampf der SPÖ nicht schlecht gemacht. Man setzt voll auf den Kanzlerbonus und SPÖ-Kernthemen.

Bewertung: 3 von 5 Markensternen

Die ÖVP

Was sollte ein Herausforderer mit Kanzleranspruch tun? Er sollte die genau gegenteilige Position einnehmen. Nur das ist gar nicht so einfach, wenn man selbst der kleinere Partner in der Bundesregierung war. Die ÖVP würde sich heute bedeutend leichter tun, wenn man die letzten 5 Jahre in Opposition verbracht hätte.

So wirkt es auch wenig glaubwürdig, wenn sich Michael Spindelegger als großer „Wirtschaftsentfessler“ oder „Reformer“ positionieren will. Dieses Dilemma aus Regierungspartei und Möchtegernoppositionspartei zeigt sich auch klar beim Thema „Wirtschaftsstandort Österreich“, wo Maria Fekter und Reinhold Mitterlehner gänzlich unterschiedliche Positionen vertreten.

Damit sind wir bei der eigentlichen Kernfrage: Wofür steht die ÖVP wirklich? Darauf geben weder die handelnden Personen noch die neuen Plakate wirklich Auskunft. So sieht man auf den Plakaten schöne Landschaften mit netten Sprüchen wie „Österreich gehört den Weltoffenen“ oder „Österreich gehört den Entdeckern“. Das ÖVP Logo findet man – wenn überhaupt – klein rechts oben. So gesehen muss die ÖVP eigentlich schon froh sein, wenn man diese Plakate überhaupt als ÖVP Plakate identifiziert.

Fazit: Hier fehlt der rote oder vielleicht besser in diesem Fall der „schwarze“ Faden komplett.

Bewertung: 0 von 5 Markensternen

Die FPÖ

Gerade wenn die Nr. 2 ihre Oppositionsrolle nicht einnimmt, ist das die große Chance für die Nr. 3. Diese Chance hat die FPÖ (vor allem unter Jörg Haider) immer wieder extrem erfolgreich genutzt, um so neben dem FPÖ Stammklientel vor allem auch die Protestwähler zu erreichen. Aber auch bei der FPÖ dürfte der Schwung der vergangenen Jahre draußen sein bzw. dürfte man von so manchem Ereignis aus der politischen Vergangenheit eingeholt worden sein.

So ist der FPÖ zwar mit dem Thema „Nächstenliebe“ ein PR-Coup gelungen, aber das Thema „Liebe deine Nächsten – Für mich sind das unsere Österreicher“ dürfte zu schwach sein, um damit mehr als nur kurzfristig etwas zu provozieren. Dazu kommt, dass die FPÖ fürchten muss, dass EU-Kritiker und Protestwähler diesmal auch stark zum Team Stronach tendieren werden.

Fazit: Operativ ist der FPÖ aktuell ein kurzfristiger PR-Coup mit der „Nächstenliebe“ gelungen, aber das war es auch schon. Auch hier fehlt klar ein Thema, das wirklich bewegt.

Bewertung: 1 von 5 Markensternen

Die Grünen

Bisher waren die Grünen als Themenwahlkämpfer bekannt. Diesmal geht man ungewohnt aggressiv ans Werk, um sich klar von den anderen etablierten Parteien abzugrenzen. So setzt man auf Themen „Wer einmal stiehlt, den wählt man nicht“ oder „Weniger belämmert als die anderen“. Man will sich so als „saubere“ Partei positionieren. Der Slogan dazu: Saubere Umwelt, saubere Politik. Um das Ganze dann doch etwas zu entschärfen, versucht man mit passenden Tierbildern ein wenig witzig zu sein.

Nur genau das könnte zu wenig sein. Denn so lassen die Grünen echte Zukunftsthemen und damit auch Wählerschichten einfach links liegen. Dabei hätte man sich ruhig Rudi Anschober als Vorbild nehmen können, wie dieser seinen letzten Wahlkampf in Oberösterreich führte, wo er aufzeigte, dass die Grünen mehr als nur eine Umwelt- und Oppositionspartei sein können.

Fazit: Die Grünen versuchen sich diesmal vom Stil her als aggressiv-witzige, saubere Alternative, vergessen dabei aber gänzlich auf Ihre eigenen Kern- und Zukunftsthemen.

Bewertung: 2 von 5 Markensternen

Das BZÖ

Josef Bucher setzt voll auf „Josef Bucher 2013“, um sich selbst noch einmal staatsmännisch in Szene zu setzen. Thema: „Genug gezahlt! Steuern runter. Mehr Geld zum Leben!“

Nur der große Feind von Josef Bucher sind die Meinungsumfragen, die ihn wahrscheinlich auch für viele Protestwähler unwählbar machen. (Wer will schon seine Stimme einem – wie es aussieht – sicheren Verlierer geben?) Hier geht es politisch ums nackte Überleben.

Fazit: Handwerklich okay, aber wahrscheinlich ohne jede Chance.

Bewertung: 1 von 5 Markensternen (für das Handwerk)

Team Stronach

Frank Stronach setzt voll auf seine Person und Schlagworte wie „aufrichtig“, „sozial“ oder „unbestechlich“. Dabei wird versucht, ihn von der Bildsprache extrem staatsmännisch zu präsentieren.

Nur genau das könnte der große Fehler sein. Denn Frank Stronach ist der einzig politisch komplett unverbrauchte Spitzenkandidat. Damit sind wir bei einer wichtigen Marken- und Marketingregel: „Herausforderer sollten sich nie wie der Marktführer verhalten.“ Gerade Frank könnte aggressiv aufzeigen, was in Österreich schief läuft, um sich dann als die Lösung zu präsentieren. Nur genau das tut er – aus welchen Gründen auch immer – (noch?) nicht.

Fazit: Hier steht sich Frank Stronach wahrscheinlich aktuell selbst im Weg. Er präsentiert sich auf den Plakaten, wie er gerne sich selbst nach der Wahl sehen würde. Nur damit vergibt er die Chance, sich als die eine Alternative zum „Politsumpf“ zu positionieren, die in Österreich wirklich etwas ändern möchte.

Bewertung: 1 von 5 Markensternen

Alle für einen

So betrachtet dürften alle fünf Parteien ein gemeinsames Ziel haben, nämlich dieses: Wir möchten, dass Werner Faymann wieder Bundeskanzler wird.

Gesamtfazit: Nie war Wahlkampf langweiliger, wenn sich in den nächsten Wochen nicht noch etwas grundlegend ändert. Es scheint, dass nicht nur viele Wähler und Wählerinnen wahlmüde sind, sondern auch die Parteien selbst.

Gesamtbewertung: 1,5 von 5 Markensternen.

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2 Antworten zu Alle für Werner Faymann oder der langweiligste Wahlkampf aller Zeiten

  1. Kathrin Prammer schreibt:

    Sehr geehrter Herr Brandtner,

    vielen Dank für Ihre interessanten Ansichten! Ich lese Ihren Blog immer wieder gerne!
    Der aktuelle Wahlkampf scheint tatsächlich einer der fadesten aller Zeiten zu sein. Am aktivsten kommt mir noch die Kleinstpartei Neos vor. Was halten Sie eigentlich von der Marketingstrategie dieser Partei? Alle anderen scheinen den Wahlkampf als „Pflichtübung“ zu sehen, die man so schnell wie möglich hinter sich bringt.

    Freundliche Grüße Kathrin Prammer

  2. michaelbrandtner schreibt:

    Hallo Frau Prammer,

    die NEOS sind dreifach im Nachteil:

    (1) Es fehlt ein Kern- oder Schlüsselthema, das wirklich bewegt. Ideen und Fachthemen alleine sind zu wenig. Als die Grünen anfingen, war das die Umweltverschmutzung und damit der Umweltschutz. Damit hatte man einen klaren Fokus. Das ist aus Markensicht alles viel zu brav und viel zu wenig PR-tauglich.
    (2) Es fehlt eine Schlüsselperson. Das BZÖ hatte beim Start Jörg Haider. Das Team Stronach hat Frank Stronach. Wer ist der Spitzenkandidat der NEOS?
    (3) Das Timing: Die NEOS haben das große Pech, dass Ihnen diesmal eine andere neue Partei, nämlich das Team Stronach die Show stiehlt.

    Ich hoffe, dass das Ihre Frage beantwortet.

    Liebe Grüße

    Michael Brandtner

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