Gratis oder nicht gratis: Genau die falsche Frage

„Warum Content kostet“ lautete die Titelgeschichte von W&V in der Ausgabe 14/2015. Darin wurden vier gängige Paid-Content-Modelle vorgestellt, nämlich das Solidarmodell, das Freemium-Modell, das Metered-Modell und die harte Bezahlschranke, also von der freiwilligen Zahlung über ein Gratisgrundangebot, eine Anzahl freier Artikel bis hin zum reinen Bezahlmodell.

Das alte Geschäftsmodell retten

Egal welches Modell von welcher Zeitung oder Zeitschrift favorisiert wird, es geht vor allem darum, dass man das alte Geschäftsmodell in die Zukunft transformieren will. Nur dabei übersieht man zwei wesentliche Aspekte: (1) Man denkt auch im Internet (unbewusst) Print. (2) Man beschränkt so die eigenen Chancen im Internet.

Genau das ist etwa der Unterschied zwischen den Gelben Seiten im Internet und Google. Die Gelben Seiten im Internet sind aus Sicht der Gelben Seiten entwickelt worden. Es ging darum, ein altes Geschäftsmodell in die Welt eines neuen Mediums zu übertragen. Google wiederum wurde rein aus Sicht des Internets entwickelt.

Das Hörbuch im Fernsehen

Stellen Sie sich vor, Sie wären Radiomacher in den 1950er oder 1960er Jahren gewesen, und Sie würden das Fernsehen als großes Zukunftsmedium sehen. Wie erfolgreich wären Sie gewesen, wenn Sie Ihren Hörbuch-Content eins zu eins ins Fernsehen übertragen hätten, wenn man also im Fernsehen live sehen könnte, wie ein Hörbuch von einem Moderator vorgelesen wird.

Lachen Sie nicht! Nichts anderes machen heute die meisten Medienmacher aus der Printlandschaft im Internet. Sie übertragen ihren Content mehr oder weniger eins zu eins in eine neue Medienlandschaft. Mit der Zusammenlegung von Offline- und Onlineredaktionen – meist aus Kostengründen – wird diese Vermischung noch einmal zunehmen. Gleichzeitig schufen Sie sich so zusätzlich eine Gratiskultur, die man heute mit diversen Bezahlmodellen wieder bekämpfen will oder muss.

Das Beste aus beiden Welten

Man möchte den Lesern so wahrscheinlich das Beste aus beiden Welten bieten. Nur das Beste aus beiden Welten ist in der Regel meist nur ein (fauler) Kompromiss. So bietet etwa Thalia seinen Kunden das beste Mittelding aus stationärer Kette, Onlinebuchhandlung und eBook-Reader. So bietet Air Berlin das Beste aus klassischer Fluglinie und Diskontfluglinie.

Nur die meisten Menschen wollen nicht das Beste aus zwei Welten. Die meisten Menschen bevorzugen, das jeweils Beste in jeweiligen Bereich. Google, Facebook, Amazon, Twitter oder auch YouTube sind nicht das Beste aus zwei Welten. Sie sind aber aus Kundensicht jeweils das Beste im Internet.

Die Print-Brille absetzen

Vielleicht sollten auch die Printmedienmacher einmal ihre Print-Brille absetzen und durch eine Nur-Internet-Brille ersetzen. Vielleicht würde man dann Möglichkeiten sehen, die man mit der Print-Brille im Internet niemals sehen könnte. Nur eines ist klar: Diese Möglichkeiten, die man mit einer Nur-Internet-Brille sehen könnte, werden kommen, nur wahrscheinlich nicht aus den etablierten Medienhäusern, sondern von Startup-Unternehmen, die aus klassischer Print-Brillen-Sicht das Unmögliche denken. So wird sich die Medienlandschaft sicher rasant weiterentwickeln und dabei könnten gerade das Beste-aus-beiden-Welten, egal ob bezahlt oder nicht bezahlt, auf der Strecke bleiben.

Erschien im Original in w&v 18/2015

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