WM-Nachspiel: FIFA, UEFA und die (mögliche) Rote Karte für Infantino

Wenn heute eine globale Sportmarke im medialen Krisenmodus ist, dann ist das mit Sicherheit die FIFA, also der Weltfußballverband. So jagt seit der Fußball-WM 2026 – vor allem wegen ihres Präsidenten Gianni Infantino – eine Negativschlagzeile die nächste. Für die FIFA selbst und auch für Infantino dürfte dies einmal generell nichts Neues sein.

So war man etwa auch vor vier Jahren, als die Fußball-WM im Wüstenstaat Katar stattfand, massiv in der medialen Kritik. Dazu hieß es damals etwa auf Sportschau.de: „Die FIFA und die gescheiterte Verantwortung“. Dabei ging es vor allem um Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und um fehlende und damit nicht ausbezahlte Entschädigungen.

Doppelt anderer Krisenmodus

Nur diesmal gab und gibt es zwei gravierende Unterschiede gegenüber bisherigen medialen FIFA-Krisen, wie etwa die vor vier Jahren in Katar. Mit dem damaligen Finale im Dezember 2022, das Argentinien gegen Frankreich im Elfmeterschießen gewann, war nicht nur die WM beendet, sondern auch die mediale Kritik an der FIFA verstummte nach und nach. (So wird die FIFA, egal wer diese wie führt, bei Großveranstaltungen immer auch Kritik ausgesetzt sein.)

Nur diesmal könnte es ganz anders kommen. Dafür sprechen zwei wesentliche Gründe:

(1) Die zurückgenommene Rote Karte gegen den US-Stürmer Folarin Balogun aus dem Spiel USA gegen Bosnien und Herzegowina.

(2) Der interne Verbandsstreit ausgelöst durch die Investorenpläne der FIFA.

Um das Ganze aus Markensicht besser zu verstehen, sollten wir uns beide Punkte im Detail ansehen.

Ad 1 oder die Macht einer visuellen Krise

Je abstrakter und verbaler eine Krise in den Medien ist, desto größer ist die Chance, dass diese langfristig gesehen, keine echten Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlässt. Heißt aber auch: Je konkreter und vor allem visueller eine Krise in den Medien ist, desto größer die Gefahr, dass diese „ewig“ im Gedächtnis bleibt.

Viele Autokonzerne hatten in den letzten Jahren und Jahrzehnten teilweise massive Krisen, die sich über einen bestimmten Zeitraum in den Medien widerspiegelten, um dann wieder aus dem allgemeinen Interesse zu verschwinden. Eine Autokrise schaffte es aber, dass die Medien sogar ihr Jubiläum aufgriffen.

Natürlich geht es dabei um die Mercedes A-Klasse, die 1997 beim „Elchtest“ umkippte. Das Wort „Elchtest“ löst hier sofort das entscheidende Bild mit der kippenden A-Klasse aus. So wird es wahrscheinlich auch keine zweite Autokrise geben, die es immer und immer wieder in die Medien schafft:

Welt.de (2007): „10 Jahre Elchtest-Debakel: Mercedes und der Elch: Die perfekte Blamage“.

Spiegel.de (2017): „20 Jahre Elchtest: Der Crash, der die Autogeschichte veränderte“

Stern.de (2017): „A-KLASSE: 20 Jahre Elchtest: Der Tag, an dem Mercedes aus der Spur kippte“

Bild.de (2017): „20 Jahre Elch-Test: Dieser Unfall hat unsere Straßen sicherer gemacht“

Focus.de (2022): „25 Jahre nach A-Klassen-Blamage steht Mercedes vor „neuem Elchtest“.

Dieses Potenzial hat auch die zurückgenommene Rote Karte, die zudem ganz stark bildhaft mit Gianni Infantino und dem US-Präsidenten Donald Trump verbunden wird, der laut Medienberichten und Eigenaussage persönlich bei Gianni intervenierte. Noch einmal verstärkend kommt hinzu, dass bisherige mediale Krisen vor allem mit dem Umfeld einer Fußball-WM, egal ob Vergabe, Menschenrechte oder Umwelt verbunden waren. Nur diesmal war es ein Eingriff in die Fußballwelt, also in das Sportgeschehen selbst, das weltweit, aber speziell in Europa für Empörung sorgte.

Dazu schrieb selbst der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter auf X: „Rote Karten werden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben. Sie werden auf der Grundlage von Regeln, Beweisen und durch unabhängige Gremien revidiert. Der Fußball darf niemals zum Spielball politischer Machtinteressen werden.“ Und der neue deutsche Bundestrainer Jürgen Klopp wurde in den Medien unter anderem so zitiert: „„Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel.“

Ad 2 oder der interne Verbandsstreit

Damit kommen wir zum zweiten Punkt. Während sportlich gesehen die WM 2026 am 19. Juli mit dem Sieg von Spanien gegen Argentinien zu Ende ging, entschied sich die FIFA, allen voran wahrscheinlich Infantino persönlich für eine Art „Krisenverlängerung“ oder auch „WM-Nachspiel“ auf Verbandsebene zu sorgen.

Stand die Fußball-WM 2026 generell unter dem negativen Gesamteindruck der extremen Kommerzialisierung des Sports, berichtete Reuters am 28. Juli dieses Jahres über  Investorenpläne der FIFA rund um eine neue Gesellschaft mit dem Namen FIFA Forward Enterprise (FFE). Potenzielle Investoren, allen voran  das Investmentunternehmen Thrive Eternal sollten sich so mit bis zu 4,2 Milliarden Dollar an dieser FFE beteiligen können.

Dies führte zu heftigen Reaktionen, allen voran durch den europäischen Fußballverband UEFA. Dieser wehrte sich klar gegen diesen „Ausverkauf des Sports“ und drohte zudem mit dem Boykott aller FIFA-Veranstaltungen. Und wahrscheinlich schneller als von der FIFA erwartet, schlossen sich auch andere internationale Verbände dieser Kritik an. Verstärkt wurde diese negativen Reaktionen noch dadurch, dass Thrive Eternal ein Teilunternehmen von Thrive Capital ist, hinter dem Joshua Kushner, der Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump steht. All dies führte dann in Summe dazu, dass letztendlich die FIFA ihre Pläne abrupt am Wochenende zurückzog.

Rote Karte für Investitionspläne

Interessant dabei war, dass speziell in England und der Schweiz das Symbol der Roten Karte in den Medien eine beachtliche Rolle spielte. Es war eine Art „aufgelegter Elfmeter“ für ein perfektes Wortspiel:

„It’s time to show Infantino the red card“

„FIFA Tries to Sell the World Cup, UEFA Brings the Red Card“

„The Guardian view on selling off the World Cup: a red-card offence by Gianni Infantino“

„Der europäische Fussballverband Uefa zeigt dem Weltverband Fifa die rote Karte.“

„Auch Asien zeigt Infantinos WM-Plan die rote Karte“

Und auf Welt.de konnte man sogar folgende Zeilen rund um das Symbol der Roten Karte lesen: „Die Uefa wendet sich von ihm ab, die Verbände aus Nord- und Mittelamerika sowie Asien zeigen ihm die Rote Karte, die eigenen Mitarbeiter beim Weltverband ekeln sich vor der Amtsführung des machtbesessenen Fifa-Diktators derart, dass am vergangenen Freitag einer nach dem anderen Sturm gegen die Investoren-Pläne lief.“

So gesehen hätte das Bild der Roten Karte auch zum verbal-visuellen Kampfsymbol gegen die Investorenpläne der FIFA und damit vor allem gegen Gianni Infantino werden können.

Die Rote Karte als Chance für die FIFA

Aber wie es aktuell aussieht, ist die Krise für Infantino noch nicht zu Ende. So hat ihm die UEFA laut Medienberichten endgültig das Vertrauen entzogen und es kommen dazu immer mehr und immer lautere Rücktrittsaufforderungen außer- und auch innerhalb der FIFA. Gleichzeitig könnte so gerade jetzt die Rote Karte auch ein Symbol der Repositionierung, der Erneuerung und des Aufbruchs für die FIFA werden.

„Rote Karte für Infantino“, könnte nicht nur eine Headline in den Medien sein, sondern auch der verbal-visuelle Startschuss für eine komplette Neuausrichtung des Fußballweltverbands. Denn in Summe werden aus Sicht der Öffentlichkeit beide Krisen, die der Roten Karte und die der Investorenpläne sicher verbal und visuell noch viel mehr mit der Person Gianni Infantino als mit dem Verband und der Marke FIFA selbst verbunden. So war das Bild von Infantino, alleine oder auch gemeinsam mit Donald Trump der eine echte visuelle Krisenverstärker in den Medien. So gesehen könnte eine Rote Karte vom Krisen- zum Erneuerungssymbol werden.

Erschien im Original auf Horizont.net

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