Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt kann man aus Sicht der CDU nur als desaströs bezeichnen. Umso erstaunlicher war die Reaktion des deutschen Bundeskanzlers und CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, der meinte, dass seine Partei vor allem eine „neue Erzählung“ für die eigene Politik brauche.
Markenkosmetik …
So hieß es etwa auf Zeit.de am 5. September in diesem Kontext: „Die Partei brauche ein neues Narrativ, eine neue Erzählung, wohin sie eigentlich wolle.“ Auf Welt.de wiederum hieß es: „Merz will CDU-Grundsatzdebatte über neues Narrativ“. Anscheinend lassen sich die Probleme der CDU relativ einfach lösen, man müsse nur die eigene Politik neu und attraktiver erzählen.
Was Friedrich Merz beruhigen mag, ist, dass auch viele Unternehmen in Krisen ganz ähnlich reagieren. Statt Marken in einer Krise klar zu repositionieren, geht es auf einmal in Strategiemeetings um neue Slogans, neue Werbelinien, ein neues Corporate Design oder auch ein neues Logo. Es erinnert ein wenig an die Deutsche Bahn, die auch kürzlich ihren neuen Außenauftritt präsentierte. (Dabei dürfte ein Designproblem noch das geringste Problem im Tagesgeschäft sein, wie auch meine beiden Töchter kürzlich live in Hamburg erleben durften.)
… und die anscheinend vergessenen Mindpoints
Während Friedrich Merz auf ein neues Narrativ setzen möchte, um wieder an Popularität und Stimmen zu gewinnen, punkten etwa Parteien wie die AfD ganz einfach mit der täglichen Unzufriedenheit, die durch den Blick auf die Treibstoffpreise, den Lohnzettel, das wahrgenommene Tagesgeschehen und die Berichte in den analogen und digitalen Medien verstärkt wird. Dazu kommt noch, dass man mit Unzufriedenheit und Wut auch in den Sozialen Medien besser punkten kann als mit guten Nachrichten.
Das heißt: Jeder tägliche Touchpoint oder Mindpoint ist somit wahrscheinlich sehr viel stärker als ein mögliches neues Narrativ der CDU. Heißt weiter: Mit einem neuen Narrativ ohne neue Politik ist mit Sicherheit das aktuelle Narrativ der AfD nicht zu schlagen.
Glaubwürdige Wirtschaftskompetenz statt Parteiideologie
So gesehen sollten sowohl CDU als auch SPD als Koalitionspartner sich einig sein, dass es eine neue Politik, vor allem Wirtschaftspolitik braucht. Das Schlüsselwort beim Entwickeln dieser neuen Politik sollte „Zuversicht“ sein. Denn nur „Zuversicht in die Zukunft“ kann extremen Parteien den „Nährboden“ entziehen. Ein neues Narrativ ohne neue Politik kann sogar mehr schaden als nutzen, weil es wieder nur als weiteres Partei-Bla-bla abgetan werden könnte. (Erschwerend kommt natürlich speziell für die CDU hinzu, ob die aktuell handelnden Personen überhaupt noch die notwendige Basisglaubwürdigkeit für eine neue Politik haben.)
