Pisa oder die Bildung in der Benchmark-Falle

In den 1990er Jahren war Benchmarking eines der heißesten Managementkonzepte überhaupt. Im Wesentlichen ging es darum, sich am Besten zu messen, um selbst besser zu werden. So heißt es etwa im Gabler Wirtschaftslexikon: „Benchmarking ist der kontinuierliche Vergleich von Produkten, Dienstleistungen sowie Prozessen und Methoden mit (mehreren) Unternehmen, um die Leistungslücke zum sog. Klassenbesten (Unternehmen, die Prozesse, Methoden etc. hervorragend beherrschen) systematisch zu schließen. Grundidee ist es, festzustellen, welche Unterschiede bestehen, warum diese Unterschiede bestehen und welche Verbesserungsmöglichkeiten es gibt.“

Dyson, Ryanair, Amazon, Google, Apple und Tesla

Auf den ersten Blick erscheint das Konzept Benchmarking absolut logisch, aber es hat einen fatalen Haken. Man bewegt sich dabei immer in einem vordefinierten Denkrahmen. So gesehen hätte man bei Dyson zuerst Vorwerk im Detail studieren müssen, um dann einen besseren oder gleich guten Staubsauger zu bauen. Ryanair hätte sich an British Airways, Lufthansa und Air France/KLM orientieren müssen, Amazon an Barnes & Noble und Thalia, Google an den Gelben Seiten, Apple beim iPhone an Nokia und Tesla aktuell an Mercedes, BMW, Audi und Porsche.

Wenn sich alle Staaten im Bildungsbereich Pisa unterwerfen, werden und können alle nur so gut werden, wie es Pisa zulässt. Nur wird man so wahrscheinlich keine neuen Bildungsstandards mehr setzen. Wenn Nokia damals vor 2007 Apple, Samsung und Co. überzeugen hätte können, sich jeweils am besten Nokia-Mobiltelefon zu messen, wäre Nokia immer noch der Standard schlechthin. Nur Apple stellte mit dem ersten Nur-Touchscreen-Smartphone die Tastenwelt von Nokia massiv in Frage.

Selbst zum Bildungs-Benchmark werden

Das heißt: Benchmarking ist sehr wohl als Analysetool geeignet, um zu sehen, wo man im Wettbewerb steht. Wenn man aber selbst zum Benchmark werden möchte, sollte man gedanklich aus dem vorgegebenen Benchmark-Rahmen ausbrechen. So beruhen etwa heute die meisten Bildungssysteme auf dem Prinzip der Didaktik, also der Theorie des Unterrichtens oder der Lehrkunst. Ein mögliches Gegenprinzip dazu wäre die Mathethik, nämlich die Lernkunst. Der Unterschied: Die Mathetik orientiert sich empfängerbezogen am Lernenden, während die Didaktik senderbezogen vom Lehrenden ausgeht. Oder wie es der österreichische Mathetikexperte Horst Dorner ausdrückt: „Aufrichten statt unterrichten!“

Anders ausgedrückt: Wenn sich Österreich nicht nur in der Bildung verbessern möchte, sondern neue Standards setzen möchte, dann sollte man nach wirklich neuen Wegen in der Bildung suchen. Wo wäre Apple heute, wenn Steve Jobs ein besseres Nokia-Mobiltelefon gebaut hätte? Denn eines ist klar: Wer erfolgreich Benchmark-Regeln bricht, stellt neue Benchmarks auf. So ist heute nicht mehr Nokia das Maß aller Mobiltelefone, sondern das iPhone von Apple.

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Eine Antwort zu Pisa oder die Bildung in der Benchmark-Falle

  1. petermetzinger schreibt:

    Hat dies auf Peter Metzinger rebloggt und kommentierte:
    Versteckt in diesem jüngsten Blog von Michael Brandtner: die Strategischen Campaigning Grundsätze Nr. 2 (die Agenda kontrollieren), Nr. 7 (Wirkungsorientierung und Abstimmung von Zielen und Mitteln) und Nr. 13 (Erfolgsgrundsätze der Kommunikation; hier vor allem die richtige Zielgruppenorientierung). Michael Brandtner referiert am Campaigning Summit Switzerland 2017, am 31. März in Zürich. Wer sich sein Ticket bis Weihnachten sichert, nimmt an der Verlosung eines Platzes am Speakers Dinner am 30. März teil, wo er / sie alle Referenten persönlich kennenlernen kann.

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