Modewort „Haltung“

Was haben aktuell der ehemalige Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und der Unterwäsche-Spezialist Palmers gemeinsam? Beide haben das Wort „Haltung“ auf alle Fälle einmal auf dem Papier für sich entdeckt. So schrieb Mitterlehner ein Buch mit dem Titel „Haltung“ und Palmers startet aktuell eine neue Werbekampagne mit dem Thema „Haltung“. In einem Sujet etwa spricht man von einer „Welt, in der Männer und Marken Haltung zeigen müssen“. (Warum Palmers Frauen davon anscheinend ausgenommen hat, bleibt dabei unklar.)

Kein ungefährliches Wort

Nur aus Kommunikationssicht betrachtet, ist Haltung ein nicht ungefährliches Wort, denn Haltung entsteht nicht dadurch, dass man darüber spricht, sondern dadurch, dass man diese selbst zeigt. Als Nike letztes Jahr im Rahmen von 30 Jahre „Just do it“ mit dem gefallenen Football-Quarterback Colin Kaepernick warb, zeigte man wirklich Haltung. Man ging dabei sogar das Risiko ein, dass man neben US-Präsident Donald Trump vor allem auch Kreise der eigenen Kundschaft verärgert. Das heißt: Man sprach nicht über Haltung, man zeigte Haltung.

Ähnlich gefährliche Wörter in Politik oder Wirtschaft sind etwa Qualität, Ehrlichkeit oder auch das Wort „Rücktritt“. Man wird nicht zu einem Qualitätsanbieter, indem man sich selbst als „Qualitätsmarke“ bezeichnet. Man wird nicht zu einem ehrlichen Politiker, wenn man sich selbst als ehrlich bezeichnet. Vielmehr geht man so das Risiko ein, dass man genau das Gegenteil damit erreicht, dass sich nämlich alle fragen, warum man dieses Wort „ehrlich“ in den Mund genommen hat. Ganz speziell gilt das für das Wort Rücktritt. Wenn ein Politiker oder etwa auch ein Trainer erklärt, dass er nicht zurücktreten wird, kann man davon ausgehen, dass sein Rücktritt bereits im Raum steht. Anders sieht es nur dann aus, wenn jemand aus der eigenen Stärke über den Rücktritt a la Marcel Hirscher nachdenkt. Dann wünschen sich viele sogar, dass er es nicht tut.

Haltungs-Bla-bla-bla

So gesehen sollte man auch mit dem Wort „Haltung“ sehr vorsichtig umgehen. Denn ob jemand wirklich für eine Haltung steht, entscheidet nicht die Person selbst, sondern das entscheiden letztendlich die Allgemeinheit oder in vielen Fällen sogar erst die Geschichtsbücher. So gesehen müssen Reinhold Mitterlehner und auch Palmers vorsichtig sein, dass das Ganze letztendlich nicht als Haltungs-Bla-bla-bla endet. Speziell die Geschichtsbücher werden uns einmal zeigen, welche Bundeskanzler und Vizekanzler sich wirklich das Wort „Haltung“ verdient haben werden. Und das wird mit Sicherheit an den Taten und nicht nur an den gesagten oder geschriebenen Worten gemessen. Die Zukunft wird es zeigen.

Erschien im Original im Kurier vom 13. Mai 2019

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