„Deine Brille: Fielmann“: Persönlicher, aber psychologisch schwächer

Eine der stärksten Triebfedern ist der Herdentrieb oder wissenschaftlicher ausgedrückt das Prinzip der sozialen Bewährtheit. Dazu schreibt der Psychologe Robert Cialdini: „Nach diesem Prinzip finden wir heraus, was richtig ist, indem wir zuerst überprüfen, was andere für richtig halten. Insbesondere entscheiden wir auf diese Art und Weise, welche Verhaltensweisen korrekt sind und welche nicht. … Ein Verhalten wird dann als korrekt angesehen, wenn viele andere sich auch so verhalten.“ Aus dieser Warte betrachtet war „Brille: Fielmann“ sehr viel stärker als „Deine Brille: Fielmann“, da man mit „Brille: Fielmann“ einen echten Marktführeranspruch kommunizierte. Denn dies brachte klar auf den Punkt, dass man beim Gedanken an eine Brille, egal ob für einen selbst oder etwa die Kinder, automatisch generell an Fielmann dachte.

Drei Arten von Märkten aus Markensicht

Um besser zu verstehen, worum es dabei mental geht, sollten wir uns drei verschiedene Märkte aus Markensicht ansehen:

(1) Geordnete Märkte: Aktuell ist sicher eines der besten Beispiele für einen mental geordneten Markt der Smartphone-Markt. Sie denken an Smartphone. Sie denken automatisch an iPhone und Samsung Galaxy. Hier gibt es eine klare mentale Hack- oder Rangordnung. Dann folgt mit etwas Nachdenken der Rest des Feldes wie etwa Huawei, Oppo, Vivo oder auch Xiaomi. Interessant dabei ist auch, dass nur die beiden ersten Marken in der Wahrnehmung stabil waren und sind.

(2) Teilgeordnete Märkte: Anders sieht es aus, wenn Sie an klassische PCs oder Notebooks mit Windows-Betriebssystem denken. Auch hier fallen Ihnen vielleicht Marken wie HP, Lenovo, Dell oder Acer ein. Der Unterschied zum Smartphone-Markt. Sie haben keine klare Rangordnung im Kopf. Nur damit gewinnen klar andere Faktoren wie Produktfeatures oder der Preis stärker an Bedeutung. Man ist quasi zufrieden, wenn es eine dieser Marken ist, aber man hat keine klare Rangordnung und damit keine Präferenz.

(3) Ungeordnete Märkte: Einer der wahrscheinlich schlimmsten Märkte aus Markensicht war in Bezug auf mentale Ordnung der Markt für Videobeamer. Sie denken Videobeamer und es fällt Ihnen entweder keine konkrete Marke ein oder die, die Sie selbst – aus welchen Gründen auch immer – gekauft oder gerade genutzt haben. Damit spielt die Marke bei Kaufentscheidungen so gut wie keine Rolle mehr.

Kontext, Ordnung und Markenstärke

Damit kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Je ausgeprägter die Rangordnung ist, desto stärker und wichtiger ist die Marke als Einkaufskriterium. Je weniger ausgeprägt die Rangordnung ist, desto mehr gewinnen andere Faktoren wie Produkteigenschaften oder Empfehlungen, vor allem aber auch der tiefe Preis an Bedeutung.

So treffen Kunden auch Kaufentscheidungen, wenn man von staatlichen Monopolen absieht, auch nie in Isolation. Sie wählen immer aus. Spannend dabei ist aber aus psychologischer Sicht, ob man einen echten mentalen Marktführer oder eher einen mentalen Einheitsbrei wahrnimmt. Nicht umsonst besitzen die stärksten Marken ihren Markt im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie denken an Cola. Sie denken an Coca-Cola. Sie denken an Energydrink. Sie denken an Red Bull. Sie denken an Hamburger. Sie denken an McDonald’s. Sie denken an Smartphone. Sie denken an iPhone. Sie denken an Elektroauto. Sie denken an Tesla. Sie denken an Suche im Internet. Sie denken an Google. Sie denken an Video im Internet. Sie denken an YouTube. Sie denken an Kurzvideo. Sie denken an TikTok. Sie denken an Fernbus. Sie denken an Flixbus. Sie denken an Brille. Sie denken an Fielmann.

Unterschätzte mentale Marktführerschaft

Heißt: Eine Führungsposition ist sehr viel stärker als eine Position, die auf den Vorteilen, Eigenschaften oder Nutzen einer Marke beruht. Im Neuromarketing spricht man in diesem Kontext auch vom „The winner takes it all“-Effekt. Dieser Effekt gilt im B2C-Marketing genauso wie im B2B-Marketing. Er gilt aber vor allem in der Welt des Internets, die noch stärker als unsere analoge Welt zur „Monopolisierung“ neigt. 

Trotzdem sind die meisten Marken- und Marketingprogramme heute rund um Produkteigenschaften und deren Vorteile und Nutzen aufgebaut. Das Problem dabei: Wenn sich herausstellt, dass eine Eigenschaft, ein Vorteil oder ein Nutzen für die Kunden extrem wichtig ist, kann diese der Marktführer immer sofort kopieren. Was aber ein Verfolger nie kopieren kann, ist die „Führungsposition” des Marktführers.

Von der Steinzeit in die Brillenzukunft

Dazu sollten wir noch einen kurzen Ausflug in unsere Vergangenheit machen. Um überleben zu können, ist unser Gehirn auf Ordnung programmiert. Es geht darum, sich in einer komplexen Welt mit möglichst großer Sicherheit und mit möglichst wenig Energieaufwand zurecht zu finden. Das galt in der Steinzeit, das gilt heute, auch wenn sich natürlich die Umwelt massiv verändert hat.

Dabei ist eine starke Marke eine Art „Denkabkürzung“, um uns Entscheidungen zu erleichtern. So schafft etwa eine Marke wie Red Bull Ordnung in einer Welt des Überangebotes von Energydrinks, Sportgetränken und anderen Erfrischungsgetränken. Spannend dabei ist, dass sich Gehirnforscher sehr intensiv mit dem Thema „Ordnung“ im Gehirn beschäftigen, während es in Strategie-, Marken- und Marketingmeetings so gut wie nie erwähnt wird. Oder wurden Sie schon einmal von Ihrer Werbeagentur oder Ihrem Markenberater gefragt, welchen Ordnungsbeitrag Ihre Marke leistet?

So gesehen ist es sicher eine brillante Entscheidung von Fielmann, dass man sich wieder auf die eigene Markenstärke zurückbesinnt. Nur hätte man dabei ruhig auf das Wort „Deine“ verzichten können. Es mag zwar persönlicher und sogar kundenorientierter sein, aber es untergräbt den eigenen Marktführer- und damit Ordnungsanspruch. Und das sollte (aus Markensicht) nicht sein. Das gilt auch speziell für die nachwachsende jüngere Generation, die nicht mit dem ikonischen „Brille: Fielmann“ aufgewachsen ist und aufwachsen wird.

Erschien im Original auf Horizont.net

Veröffentlicht unter Branding, Handel, Kommunikation, Management, Marke, Markenführung, Markenhistorie, Markenpositionierung, Markenslogan, Markenstrategie, Marketing, Marktführer, Marktführerschaft, Positionierung, Preis, Slogan, Strategie, Wahrnehmung, Werbung, Wettbewerb, Zukunft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

kikaLeiner und die wahrscheinlich fatale Fortsetzung der Markenbastelei

Ein wesentliches Element erfolgreicher Markenführung ist Kontinuität. So wird eine Marke stärker, wenn man deren Erfolgsposition in der Wahrnehmung der Kunden und am Markt durch relevante und immer aktuelle Wiederholungen ausbaut. Aber nicht nur der Aufbau einer Marke braucht Zeit, auch die „Zerstörung“ einer Marke passiert nur in seltenen Fälle Übernacht.

Die Frau in Rot oder der gerissene rote Faden

Bei Kika-Leiner startete der Niedergang im Jahr 1999, als man bei Kika die Erfolgskampagne „Wo geht’s hier zu Kika“ durch „Die Frau in Rot“ ersetzte. Dabei ging und geht es dabei gar nicht darum, ob diese neue Kampagne besser oder schlechter gewesen wäre, sondern vor allem darum, dass man mit dieser Kampagne den roten Faden in der Markenführung extern und vor allem auch intern verlor. Seit damals hatte und hat Kika keine klare Linie mehr in der Markenführung und folglich auch in der Kommunikation.

Verstärkt wurde dies durch zwei weitere Aspekte:

(1) Auf der einen Seite war man sich anscheinend nie wirklich klar, ob und wie die beiden Marken getrennt bzw. gemeinsam auftreten sollten. Im Jahr 2014 gab es dann sogar eine gemeinsame klassische Werbekampagne, um dann doch später wieder getrennt zu werben.

(2) Auf der anderen Seite fand der Konkurrent XXXLutz seit 1999 zu einer klaren Linie, um mit Zukäufen, der Familie Putz und immer wieder auch zuerst mit suggerierter und dann mit tatsächlicher Marktführerschaft in der Kommunikation zu punkten.

Während also XXXLutz mit konsequenter Markenkonsequenz Marktanteile gewann, war man bei Kika-Leiner, speziell aber bei Kika konsequent inkonsequent in der Markenführung. Da halfen auch Kabarettist Thomas Stipsits, Schauspieler Andreas Kiendl oder Fußballer David Alaba als „I bin a Kika“ wenig.

Inkonsequente Neuausrichtung

Jetzt wagt man den Neustart mit 17 Filialen und einer Doppelmarke. So wird aus den Marken Kika und Leiner die Marke kikaLeiner. Dabei soll aber, wie die Medien berichten, die Häuser im jetzigen jeweiligen Marken- und Farbdesign bleiben, also einmal rot und einmal grün. Zudem will man auf mehr Eigenmarken und eine Kampagne mit dem Slogan „Kommt Euch näher!“ setzen.

Aus Unternehmenssicht mag dies alles vor allem kurzfristig richtig sein und richtig erscheinen. Nur um langfristig mehr als nur zu überleben, braucht man nicht nur eine Strategie, die aus Unternehmen- und Kostensicht passt, sondern vor allem eine, mit der man sich am Markt, vor allem von XXXLutz positiv differenzieren kann. Dazu wird diese Art der halben Neuausrichtung mit großer Wahrscheinlichkeit nicht reichen. So gesehen dürfte die für die Zukunft der Marke nicht ungefährliche Markenbastelei bald wieder weitergehen. Denn eines ist klar. Zwei angeschlagene Marken ergeben in Summe nie eine Siegermarke, vor allem nicht in der Wahrnehmung der Kunden. Manche denken jetzt vielleicht auch an die ewigen Markenbasteleien bei Karstadt Galeria Kaufhof und deren „Erfolgsgeschichte“.

Veröffentlicht unter Branding, Design, Differenzierung, Eigenmarke, Handel, Kommunikation, Krise, Management, Marke, Markenarchitektur, Markenfarbe, Markenführung, Markenkrise, Markenname, Markenpositionierung, Markenrelaunch, Markenslogan, Markenstrategie, Markensystem, Marketing, Marktführerschaft, Mehr-Marken-System, Nicht-Marktführer, Positionierung, Relevanz, Repositionierung, Slogan, Strategie, Testimonial, Wahrnehmung, Werbung, Wettbewerb, Zukunft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

„MARKE machen!“: Das längst überfällige neue Standardwerk der Markenführung

Wenn man sich heute die Welt der Marken- und Marketingbücher ansieht, dann kann man diese grob in zwei Kategorien einteilen: (1) Standardwerke, die immer und immer wieder erweitert und upgedatet werden. (2) Werke, die vor allem die Konzepte, Strategien und Ideen der Autoren vermarkten wollen. Beides ist absolut verständlich, richtig und nachvollziehbar. „MARKE machen!“ von Karsten Kilian unterscheidet sich dreifach positiv und genau das macht den Wert dieses Buches aus:

(1) Es ist keine weitere upgedatete Version eines Standardwerks: Speziell die Ära des Internets und der Sozialen Medien hat danach „geschrien“, dass es endlich ein Markenstandardwerk gibt, dass diese Entwicklung ganzheitlich darstellt und nicht als Stückwerk einfach hinzugefügt wird. Das ist Karsten Kilian mit Sicherheit gelungen. Dieses Buch spiegelt wirklich aktuell und ganzheitlich die moderne Markenwelt mit all ihren Facetten wider. Es geht von der Wichtigkeit der Marke generell über Themen wie Purpose, Positionierung, Namensgebung, Internal Branding bis hin zu Markenkooperationen und Influencern. Nebenbei deckt er auch noch zur Abrundung den rechtlichen Aspekt der Marke ab.

(2) Es geht nicht um eine neue Idee oder Weltanschauung eines Markenexperten, egal ob aus der Wissenschaft oder Praxis, sondern es geht ihm wirklich darum, die aktuelle Markenwelt umfassend und praxisorientiert darzustellen. Dazu hat er auch auf die Hilfe von 27 Studierenden seines Masterstudiengangs  zurückgegriffen. (Diese werden auch namentlich und mit Foto im Buch extra erwähnt.) Zudem, und das ist extrem wichtig, zeigt er auch klar die Wichtigkeit des Themas Marke in Summe für die Unternehmensführung auf.

(3) Es bietet eine perfekte Grundlage für ein umfassendes Markenwissen mit vielen konkreten „Hilfestellungen“. Das Ziel der meisten Standardwerke ist es, vor allem die jeweils aktuelle Theorie umfassend darzustellen. Karsten Kilian selbst spricht nicht von einem Standardwerk, sondern von einem Praxisbuch für Markenmacher. Aus diesem Grund beinhaltet dieses Werk auch viele Tools für die praktische Markenarbeit, wie etwa den BEST-Ansatz, die KURS-Kriterien oder die ZEBRAS-Methode.

Wertvoll für Theorie und Praxis

Fazit: Was dieses Buch für die Markentheorie und Markenpraxis so wertvoll macht, ist die umfassende aktuelle Darstellung des Themas Marke, die gleichzeitig immer wieder um hilfreiche Tools für die konkreten Aufgaben in der Markenführung ergänzt wird. Vielleicht mag mancher Markentheoretiker die Nase über den Stil des Markenbuches rümpfen, weil es zu wenig „theoretisch“ ist, nur genau das macht es so gut lesbar, ohne an inhaltlicher Tiefe und inhaltlichem Wert zu verlieren. Erwarten Sie also nicht einen trockenen „Markentheorieschinken“, sondern ein wirklich gut lesbares, umfassend darstellendes neues Standardwerk der Markenführung mit vielen praxisorientierten Tools. Punkt!

Veröffentlicht unter Branding, Marke, Markenführung, Marketing, Zukunft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gaming, Smartphone und eine Erinnerung an Al Ries

„Verspielte Gesellschaft“ lautete eine Headline in der Tageszeitung Der Standard vom 14./15. Oktober 2023. In diesem Artikel hieß es unter anderem: „41 Prozent spielen nämlich nicht zu Hause auf dem PC oder einer Spielkonsole, sondern auf dem Smartphone.“ Bei diesen Zeilen musste ich an einen Workshop im Jahr 2018 denken.

Das Smartphone mit …

Damals vor fünf Jahren hielt ich ein 1 ½ – Tagesseminar für eine chinesische Smartphone-Marke in London zum Thema „Die wichtigsten Prinzipien der Markenpositionierung“. Bei diesem Seminar diskutierten wir – basierend auf diesen Prinzipien – den Smartphone-Markt generell und natürlich die spezifische Ausgangssituation dieser Marke.

Damals wie heute war Samsung mit dem Galaxy die Nr 1 in den Marktanteilsstatistiken gefolgt von Apple mit dem iPhone. In der Wahrnehmung war damals wie heute das iPhone der Maßstab aller Dinge. Auf Platz 3 lag 2018 Huawei mit dem Fokus auf Kameras und Leica als Ingredient Brand. Mein Klient war in Europa „nur ein weiterer Anbieter“. 

… dem Gaming-Plus

Nach dem ersten Tag war meine klare Empfehlung, dass mein Klient sich ebenfalls auf eine mental freie Idee fokussieren sollte, um so aus dem unprofilierten Mittelfeld auszubrechen. Dazu entwickelten Al Ries und ich via E-Mail am Abend eine gemeinsame Idee.

Da mein Klient eine eher männliche Zielgruppe hatte und vor allem auf Performance setzte, empfahlen wir den Fokus auf Gaming zu legen. Aus meiner Erstidee „Das Smartphone mit dem ultimativen Gaming-Modus“ wurde dann gemeinsam mit Al „Das Smartphone mit dem ultimativen Gaming-Plus“.

Die unterschätzte Macht der Fokussierung

Leider war meinem Klienten diese Idee „zu eng“. Man wollte sich nicht fokussieren, speziell auch, weil man das Thema Gaming als zu klein ansah. Nur ohne klaren Fokus ist es in einem Markt, der von damals drei Marken dominiert wurde, extrem unwahrscheinlich, dass man eine starke Position in der Wahrnehmung der Kunden und dann am Markt entwickeln kann. Schade! Wahrscheinlich könnte diese Marke heute eine starke Nummer 3 sein, nachdem Huawei die Unterstützung von Google und folglich diese Nummer 3-Position verloren hat.

Veröffentlicht unter Al Ries, Branding, Differenzierung, Fokus, Fokussierung, Herausforderer, Herstellermarke, Ingredient Brand, Marke, Markenfokus, Markenfokussierung, Markenpositionierung, Markenstrategie, Marktführer, Nicht-Marktführer, Positionierung, Ries Global, Strategie, Wahrnehmung, Wettbewerb | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Österreich im Vorwahlkampf oder Herbert Kickl auf den strategischen Spuren von Donald Trump

Letzte Woche waren Jens Hansen, ebenfalls Leadpartner bei Ries und ich auf „Deutschland-Tour“. Dabei war in Bayern unübersehbar, dass demnächst gewählt wird. Aber auch Österreich scheint nach der Sora-Panne der SPÖ, der Hamburger-Panne von Karl (Mc)Nehammer und der Afghanistan-Panne der FPÖ in einer Art „Vorwahlkampf“ zu sein. So fordern speziell die Freiheitlichen unter Herbert Kickl im Umfragehoch immer wieder sofortige Neuwahlen.

Entweder-oder oder …

Dabei dürfte sich Kickl, wenn man sich seine Strategie aus Markensicht ansieht, einige Anleihen bei Donald Trump aus dem Jahr 2015 genommen haben. Damals befanden sich die Republikaner generell in der Oppositionsrolle und speziell im Vorwahlkampf für das Präsidentenamt.

In diesem damaligen Vorwahlkampf der Republikaner traten in Summe 19 Kandidaten an, einer davon war Donald Trump mit Außenseiterchancen. Nur sind 19 Kandidaten mit unzähligen politischen Botschaften viel zu viel für die Wahrnehmung. Unser Gehirn liebt „Entweder-oder-Entscheidungen“, wie „Wein oder Bier“, Weißwein oder Rotwein“ oder „Kaffee oder Tee“.

Genau hier schaffte es Donald Trump frühzeitig, dass er den Eindruck erzeugte, dass man zwischen ihm und 18 „Parteigängern“ wählen kann, also eine klare Entweder-oder-Entscheidung. Zudem hatte er als einziger mit seiner Forderung nach einer Mauer zwischen den USA und Mexiko eine verbal-visuelle Botschaft.

… der große Kickl-Vorteil

Genau hier beginnen aktuell die strategischen Parallelen zur FPÖ und Herbert Kickl. So fordert Herbert Kickl zwar keine Mauer, dafür aber eine „Festung Österreich“. Gleichzeitig setzt er alles daran, dass es nur eine Alternative zu den herkömmlichen Parteien gibt, nämlich die FPÖ.

Genau damit bringt er nicht nur sich selbst und die FPÖ in Stellung für die nächste Nationalratswahl, er macht sich so zum Teil der großen „Entweder-oder“-Entscheidung, entweder herkömmliche Partei oder FPÖ. Gleichzeitig beginnt damit aber das strategische Dilemma vor allem für die ÖVP und die SPÖ. Denn nur eine dieser beiden Parteien kann es schaffen, dass man als der eine Widerpart zur FPÖ gesehen werden kann und wird.

Den Kanzler-Bonus nutzen

Hier hat die ÖVP einen mentalen Startvorteil, weil man aktuell den Kanzler stellt. Nur sollte man diesen Bonus aktiv nutzen und sich nicht selbst immer wieder torpedieren. Schwieriger wird es hier für die SPÖ, speziell da auch Forderungen wie die 32-Stunden-Arbeitswoche und eine Reichensteuer dafür zu wenig sein werden, um wirklich als echte Alternative über den eigenen (linken) Parteikern hinaus gesehen zu werden.

Aktuell hat Herbert Kickl nicht nur die bessere Strategie aus Sicht des Politikmarketings, er kann sich zudem darüber freuen, dass die etablierten Parteien mit ihren diversen Pannen, Ausrutschern und Fettnäpfchen auch Tag für Tag seine idealen Wahlhelfer sind. So gesehen sollten ÖVP, SPÖ, Die Grünen und auch die NEOS vorsichtig sein, sich gegenseitig in einer Art „Dauerwahlkampf um Umfragewerte“ schlecht zu machen. Natürlich mag es kurzfristig befriedigend sein, wenn man entweder die ÖVP, die SPÖ oder auch Die Grünen am falschen Fuß erwischt, nur längerfristig macht man so nur Herbert Kickl und die FPÖ stärker.

Fazit aus Markensicht: Aktuell sollten wahrscheinlich alle Parteien außer der FPÖ ihre Strategien überdenken, um operativen Aktionismus endlich durch eine klare Zukunftsstrategie zu ersetzen. (Die ÖVP hat dies strategisch mit „Glaub an Österreich“ gerade eben erst versucht, um es dann sofort operativ mit der „Hamburger-Panne“ selbst zu torpedieren.)

PS: Langfristig betrachtet dürfte vor allem die Hamburger-Panne der ÖVP im kollektiven Gedächtnis hängenbleiben, da diese am meisten, wie auch die diversen Social-Media-Reaktionen zeigen, Potenzial für kreative Wort- und Bildspiele bietet.

Veröffentlicht unter Campaigning, Kommunikation, Markensicht, Marketing, Politik, Positionierung, Ries Global, Social Media, Strategie, Wahlkampf, Zukunft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

E-Mobilität oder Marken- versus Modellwettbewerb

Rund um die IAA in München rückt das Thema Mobilität und speziell die E-Mobilität wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Dabei geht es, wie es aussieht, um eher vage Zukunftspläne der europäischen Autoerzeuger, aber vor allem um die potenzielle Herausforderung oder Bedrohung durch chinesische Autoerzeuger. Spannend dabei ist, dass anscheinend weiterhin außer Tesla und vielleicht Polestar niemand am Aufbau einer wirklich starken E-Auto-Marke interessiert ist. Vielmehr dürfte es den meisten Erzeugern darum gehen, kurz- und vielleicht auch mittelfristig mit Modellen alleine zu punkten. Nur das könnte sich langfristig gesehen bitter rächen.

Das Auf und Ab von Modellen

Starke Marken sollten für Stabilität in der Kundenwahrnehmung und am Markt sorgen. Nur wenn man sich den Markt für Elektroautos ansieht, gibt es aktuell nur einen echten stabilen Faktor und das ist Tesla. Dazu können Sie ein kleines Selbstexperiment machen und sich die Frage stellen, wie Sie die Top 10 Elektroautomodelle in Europa ranken würden. (Wahrscheinlich tippen Sie aufgrund des Heiligenschein-Effekts auf zu viele Modelle von Premiummarken und unterschätzen eine chinesische Marke total.)

Dazu sollten wir uns die Neuzulassungen bei Elektroautomodellen in Europa seit 2020 einmal näher ansehen:

     2020                 2021                      2022                      6/2023

1.  Renault Zoe       Tesla Model 3         Tesla Model Y        Tesla Model Y

2.  Tesla Model 3    Renault Zoe            Tesla Model 3         Tesla Model 3

3.  VW ID.3            VW ID.3                 VW ID.4                 VW ID.3

4.  Hyundai Kona    VW ID.4                 Fiat 500                VW ID.4

5.  VW eGolf          Kia Niro                  VW ID.3                 Fiat 500

6.  Peugeot 208      Fiat 500                  Skoda Enyaq          MG 4 

7.  Kia Niro             Skoda Enyaq          Dacia Spring           Dacia Spring

8.  Nissan Leaf       Hyundai Kona         Peugeot 208           Volvo XC 40

9.  Audi e-tron        Peugeot 208           Hyundai Kona         Peugeot 208

10. BMW i3            VW Up                   Kia Niro                  Skoda Enyaq

„in“ und „out“ versus „stabil“

Wer sich nur auf Modelle verlässt, ist in diesem Wettbewerb schnell einmal „in“, aber auch schnell einmal „out“. So gesehen muss die europäische Autoindustrie befürchten, dass der nächste stabile Faktor neben Tesla in der Elektromobilität MG heißen wird. Nur das liegt weniger an den Stärken und der Positionierung dieser wiederbelebten Marke, sondern viel mehr an den Schwächen und an der mangelnden E-Auto-Positionierung der etablierten Automarken. (Was wird man sich wohl bei Nissan denken, die jahrelang mit dem Modell Leaf die Nr. 1 in den Marktanteilsstatistiken, aber nie als Marke die Nr. 1 in der Wahrnehmung wurden? Nissan steht für Auto und nicht für Elektroauto.) 

So gesehen könnte es jetzt noch einmal gefährlicher für die etablierten Automarken werden, da jetzt das erste Mal eine chinesische Automarke – speziell auch von den Medien – wirklich positioniert wird. Diese Marke ist natürlich BYD als die neue Nr. 1 in China. Dazu hieß es etwa auf Tagesschau.de am 18. April dieses Jahres: „BYD löst VW als Marktführer in China ab“. Dazu noch eine generelle Erkenntnis aus der Markenwelt, die man vielleicht endlich auch in der Automobilindustrie berücksichtigen sollte: „Viele Manager und auch Managerinnen überschätzten das Potenzial bestehender Marken und unterschätzen das Potenzial neuer Marken.“

PS 1: So beruht auch die aktuelle Stärke von VW mit sehr großer Wahrscheinlichkeit mehr auf der Stärke des Vertriebssystems als auf der Stärke der Marke VW in der Elektromobilität. So ist VW auch außerhalb Europas in der E-Mobilität maximal ein Mitspieler.

PS 2: Peugeot hat gerade verkündet, dass man bis 2025 die Nr. 1 bei Elektromobilität werden möchte. Der geplante Weg dorthin: 9 Modelle. Vielleicht sollte man auch bei Peugeot neue E-Auto-Marke statt Modellities denken.

Veröffentlicht unter Branding, Elektromobilität, Herstellermarke, Image, Management, Marke, Markenarchitektur, Markenführung, Markenpositionierung, Markenstrategie, Markensystem, Marktführer, Marktführerschaft, Mehr-Marken-System, Positionierung, Strategie, Wahrnehmung, Wettbewerb, Zukunft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Regionale Themenführerschaft oder was man von Buchner lernen kann

Wenn man heute an Themenführerschaft in der Welt der Marken und Unternehmen denkt, erinnern sich wahrscheinlich viele an Steve Jobs oder denken heute an Elon Musk. Nur Themenführerschaft funktioniert – richtig gemacht – auch national oder sogar regional. Mehr noch: Viele Unternehmer oder auch Manager lassen enormes Marken- und Marktpotenzial liegen, weil man den Wert von Themenführerschaft für die Marke und das Unternehmen unterschätzt.

Vom Leitthema …

Themenführerschaft bedeutet in diesem Kontext auch immer Fokussierung und Positionierung. Es geht darum, dass man ein zentrales Thema findet, das man immer wieder neu mit Teilthemen im Sinne der Positionierung auflädt. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Buchner, der Holzbaumeister in Oberösterreich.

So hieß es etwa am 9. September dieses Jahres in den Oberösterreichischen Nachrichten: „Die Holzpreise laden zum Bauen ein: Der Zeitpunkt ist günstig, um sich für ein Haus in Holzbauweise zu entscheiden, denn die Holzpreise sind weiter gesunken.“ Das Interessante dabei: Buchner spricht so nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern für die Branche. Aus Kundensicht betrachtet macht man sich so auch subtil zum wahrgenommenen Marktführer.

… zum Branchensprecher

Das heißt: Wenn man über das Thema „Themenführerschaft“ nachdenkt, sollte man immer überlegen, ob es gelingen kann, dass man nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern wirklich für die Branche spricht. Nur dazu muss der verantwortliche Unternehmer oder auch Manager persönlich den Mut haben, für die Branche und das Unternehmen aktiv in den Medien einzutreten.

Dies macht etwa Christian Buchner, der Geschäftsführer von Buchner nicht nur verbal, sondern auch visuell seit Jahren konsequent. So trägt er immer einen grünen Pullover, um die Firmenfarbe und die visuelle Positionierung zu verstärken. Speziell auch Start-up-Unternehmen sollten frühzeitig überlegen, auf Themenführerschaft zu setzen, um sich frühzeitig vom Mitbewerb abzusetzen.

Branchenkrisen als PR-Chance

Eine alte Medienweisheit lautet: „Only bad news are good news.“ Genau aus diesem Grund würden sich viele Unternehmen speziell in Krisen, die das eigene Unternehmen oder die eigene Marke betreffen, am liebsten unsichtbar machen. Aber gerade Branchen- und vor allem Konjunkturkrisen bieten die Chance sich als Branchensprecher zu etablieren. So sind die Medien oft mehr an Konjunkturkrisen als an Konjunkturaufschwüngen interessiert. Gleichzeitig kann man dieses Interesse nutzen, um sich dann als Ansprechpartner Nr. 1 für die Branche zu präsentieren und etablieren.

Fazit: Viele Marken und Unternehmen verschenken nicht nur PR-, sondern vor allem auch Marken- und Marktpotenzial, weil man dem Thema „Themenführerschaft“ zu wenig Beachtung schenkt. Das sollte nicht sein, denn Themenführerschaft führt in vielen Fällen zur dauerhaften Marktführerschaft. Das gilt für große, mittlere und auch kleine Unternehmen, wenn man es richtig macht.

Veröffentlicht unter Campaigning, Fokussierung, Haltung, Image, Kommunikation, Krise, Management, Marke, Markenfarbe, Markenführung, Markenpositionierung, Markenstrategie, Marketing, Marktführerschaft, Medien, Positionierung, PR, Relevanz, Start Up-Unternehmen, Themenführerschaft, verbale Positionierung, visuelle Positionierung, Wahrnehmung, Wettbewerb | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Brand Decluttering oder der strategische Ausblick auf 2024

Viele Unternehmen definieren in den nächsten Wochen und Monaten im Detail ihre konkreten Jahresziele für 2024. Diese sind je nach Marktausblick und Unternehmen einmal mehr und einmal weniger ambitioniert. Eines aber haben die meisten gemeinsam: Sie sind von Wachstum geprägt. Gleichzeitig wird in vielen Unternehmen Wachstum automatisch mit „Mehr“ gleichgesetzt.

Die „Mehr ist mehr“-Logik versus …

So geht es in vielen dieser Jahresmeetings letztendlich um mehr neue Produkte und Dienstleistungen, mehr Zielgruppen und mehr Vertriebskanäle, um die Kunden ganzheitlich zu erreichen Aber genau dieses „Mehr“ führt, wenn es sukzessive übertrieben wird, dazu, dass Marken in der Wahrnehmung der Kunden an Profil, Einzigartigkeit und damit letztendlich an Anziehungskraft verlieren.

Übereinfacht ausgedrückt: Wenn jede Marke in einem bestimmten Markt oder Marktsegment, alles für alle anbietet, dann werden sich zwangsläufig aus Kundensicht alle Marken in diesem Markt oder Marktsegment ähnlicher. Gleichzeitig gewinnt damit aber der tiefe Preis als Auswahlkriterium. Genau diese Entwicklung hatten und haben wir: Wenn Kunden heute vor dem Regal stehen, verlieren sie immer öfter im Überangebot den Überblick und entscheiden sich dann oft spontan aufgrund von Preisaktionen.

Das ist der kurzfristige Effekt. Der längerfristige Effekt: Die Kunden werden so immer mehr zum Preis- und Promotionkäufer erzogen. Dazu schreiben Peter Haller und Wolfgang Twardawa in ihrem Buch „Building Best Brands“: „Sehr eindrucksvoll ist der empirisch gesicherte Nachweis, dass Preispromotions Markenkäufer zu Promotionkäufer erziehen. … Besonders beunruhigend an dieser Situation ist, dass der Status des Promotionkäufers die Vorstufe zum Abstieg ins Handelsmarkensegment ist.“

… die „Weniger ist mehr“-Logik

Nur wenige Unternehmen stellen sich in dieser Situation bewusst die Frage, wie man mit weniger mehr Wachstum und vor allem mehr Profit erzielen kann. Genau darum geht es beim Thema Brand Decluttering. Aktuell ist Decluttering nicht nur im privaten Leben ein heißer Trend, auch Marken können enorm vom „Ausmisten“ profitieren.

Dabei geht es beim Brand Decluttering oft gar nicht darum, dass man sofort radikal ausmistet, sondern dass man einmal Kräfte zum Beispiel auf ein Leadprodukt fokussiert. So kann ein einzelnes Produkt oder auch eine einzelne Dienstleistung enorm viel für eine Marke in Summe tun. Typische Beispiele für diese Art der Leadprodukte waren und sind der BMW 1500 in den 1960er Jahren für BMW, der 911er Porsche für Porsche in den 1990er Jahren, das Modell Duke für KTM, das Koffeinshampoo für Alpecin, der Lachgummi für Nimm 2, das Samsung Galaxy für Samsung oder iPod, iPhone und iPad für Apple.

Den Fokus verengen

Heißt: Viele Marken würden heute enorm davon profitieren, wenn man den Mut hätte, das eigene Markenportfolio einmal mit der „Weniger ist mehr“-Brille unter die Lupe zu nehmen. Nur das ist – vor allem psychologisch gesehen – alles andere als einfach. Etwas wegnehmen oder sich von etwas trennen müssen, löst in unserem Gehirn immer Schmerz aus. Das gilt auch dann, wenn man sich gezwungen sieht, eine eigene Meinung aufgeben zu müssen. So gesehen ist es verständlich, dass es vielen Entscheidern schwer fällt, von einer gängigen „Mehr ist mehr“-Philosophie auf eine „Weniger ist mehr“-Philosophie zu wechseln. Nur genau darin kann die große Chance für Ihre Marke und Ihr Unternehmen liegen. Denn die richtige Verengung des Fokus führt in der Regel zu einer stärkeren Position in der Wahrnehmung und dann am Markt.

Veröffentlicht unter Eigenmarke, Fokus, Fokussierung, Handelsmarke, Herstellermarke, Innovation, Leadprodukt, Management, Marke, Markenführung, Markenfokus, Markenfokussierung, Markenpositionierung, Markenrelaunch, Markenstrategie, Marketing, Point of Sale, Positionierung, Preis, Preisaktionen, Rebranding, Refokussierung, Repositionierung, Strategie, Wahrnehmung, Wettbewerb, Zukunft | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar