E-Mobilität oder Marken- versus Modellwettbewerb

Rund um die IAA in München rückt das Thema Mobilität und speziell die E-Mobilität wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Dabei geht es, wie es aussieht, um eher vage Zukunftspläne der europäischen Autoerzeuger, aber vor allem um die potenzielle Herausforderung oder Bedrohung durch chinesische Autoerzeuger. Spannend dabei ist, dass anscheinend weiterhin außer Tesla und vielleicht Polestar niemand am Aufbau einer wirklich starken E-Auto-Marke interessiert ist. Vielmehr dürfte es den meisten Erzeugern darum gehen, kurz- und vielleicht auch mittelfristig mit Modellen alleine zu punkten. Nur das könnte sich langfristig gesehen bitter rächen.

Das Auf und Ab von Modellen

Starke Marken sollten für Stabilität in der Kundenwahrnehmung und am Markt sorgen. Nur wenn man sich den Markt für Elektroautos ansieht, gibt es aktuell nur einen echten stabilen Faktor und das ist Tesla. Dazu können Sie ein kleines Selbstexperiment machen und sich die Frage stellen, wie Sie die Top 10 Elektroautomodelle in Europa ranken würden. (Wahrscheinlich tippen Sie aufgrund des Heiligenschein-Effekts auf zu viele Modelle von Premiummarken und unterschätzen eine chinesische Marke total.)

Dazu sollten wir uns die Neuzulassungen bei Elektroautomodellen in Europa seit 2020 einmal näher ansehen:

     2020                 2021                      2022                      6/2023

1.  Renault Zoe       Tesla Model 3         Tesla Model Y        Tesla Model Y

2.  Tesla Model 3    Renault Zoe            Tesla Model 3         Tesla Model 3

3.  VW ID.3            VW ID.3                 VW ID.4                 VW ID.3

4.  Hyundai Kona    VW ID.4                 Fiat 500                VW ID.4

5.  VW eGolf          Kia Niro                  VW ID.3                 Fiat 500

6.  Peugeot 208      Fiat 500                  Skoda Enyaq          MG 4 

7.  Kia Niro             Skoda Enyaq          Dacia Spring           Dacia Spring

8.  Nissan Leaf       Hyundai Kona         Peugeot 208           Volvo XC 40

9.  Audi e-tron        Peugeot 208           Hyundai Kona         Peugeot 208

10. BMW i3            VW Up                   Kia Niro                  Skoda Enyaq

„in“ und „out“ versus „stabil“

Wer sich nur auf Modelle verlässt, ist in diesem Wettbewerb schnell einmal „in“, aber auch schnell einmal „out“. So gesehen muss die europäische Autoindustrie befürchten, dass der nächste stabile Faktor neben Tesla in der Elektromobilität MG heißen wird. Nur das liegt weniger an den Stärken und der Positionierung dieser wiederbelebten Marke, sondern viel mehr an den Schwächen und an der mangelnden E-Auto-Positionierung der etablierten Automarken. (Was wird man sich wohl bei Nissan denken, die jahrelang mit dem Modell Leaf die Nr. 1 in den Marktanteilsstatistiken, aber nie als Marke die Nr. 1 in der Wahrnehmung wurden? Nissan steht für Auto und nicht für Elektroauto.) 

So gesehen könnte es jetzt noch einmal gefährlicher für die etablierten Automarken werden, da jetzt das erste Mal eine chinesische Automarke – speziell auch von den Medien – wirklich positioniert wird. Diese Marke ist natürlich BYD als die neue Nr. 1 in China. Dazu hieß es etwa auf Tagesschau.de am 18. April dieses Jahres: „BYD löst VW als Marktführer in China ab“. Dazu noch eine generelle Erkenntnis aus der Markenwelt, die man vielleicht endlich auch in der Automobilindustrie berücksichtigen sollte: „Viele Manager und auch Managerinnen überschätzten das Potenzial bestehender Marken und unterschätzen das Potenzial neuer Marken.“

PS 1: So beruht auch die aktuelle Stärke von VW mit sehr großer Wahrscheinlichkeit mehr auf der Stärke des Vertriebssystems als auf der Stärke der Marke VW in der Elektromobilität. So ist VW auch außerhalb Europas in der E-Mobilität maximal ein Mitspieler.

PS 2: Peugeot hat gerade verkündet, dass man bis 2025 die Nr. 1 bei Elektromobilität werden möchte. Der geplante Weg dorthin: 9 Modelle. Vielleicht sollte man auch bei Peugeot neue E-Auto-Marke statt Modellities denken.

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Regionale Themenführerschaft oder was man von Buchner lernen kann

Wenn man heute an Themenführerschaft in der Welt der Marken und Unternehmen denkt, erinnern sich wahrscheinlich viele an Steve Jobs oder denken heute an Elon Musk. Nur Themenführerschaft funktioniert – richtig gemacht – auch national oder sogar regional. Mehr noch: Viele Unternehmer oder auch Manager lassen enormes Marken- und Marktpotenzial liegen, weil man den Wert von Themenführerschaft für die Marke und das Unternehmen unterschätzt.

Vom Leitthema …

Themenführerschaft bedeutet in diesem Kontext auch immer Fokussierung und Positionierung. Es geht darum, dass man ein zentrales Thema findet, das man immer wieder neu mit Teilthemen im Sinne der Positionierung auflädt. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Buchner, der Holzbaumeister in Oberösterreich.

So hieß es etwa am 9. September dieses Jahres in den Oberösterreichischen Nachrichten: „Die Holzpreise laden zum Bauen ein: Der Zeitpunkt ist günstig, um sich für ein Haus in Holzbauweise zu entscheiden, denn die Holzpreise sind weiter gesunken.“ Das Interessante dabei: Buchner spricht so nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern für die Branche. Aus Kundensicht betrachtet macht man sich so auch subtil zum wahrgenommenen Marktführer.

… zum Branchensprecher

Das heißt: Wenn man über das Thema „Themenführerschaft“ nachdenkt, sollte man immer überlegen, ob es gelingen kann, dass man nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern wirklich für die Branche spricht. Nur dazu muss der verantwortliche Unternehmer oder auch Manager persönlich den Mut haben, für die Branche und das Unternehmen aktiv in den Medien einzutreten.

Dies macht etwa Christian Buchner, der Geschäftsführer von Buchner nicht nur verbal, sondern auch visuell seit Jahren konsequent. So trägt er immer einen grünen Pullover, um die Firmenfarbe und die visuelle Positionierung zu verstärken. Speziell auch Start-up-Unternehmen sollten frühzeitig überlegen, auf Themenführerschaft zu setzen, um sich frühzeitig vom Mitbewerb abzusetzen.

Branchenkrisen als PR-Chance

Eine alte Medienweisheit lautet: „Only bad news are good news.“ Genau aus diesem Grund würden sich viele Unternehmen speziell in Krisen, die das eigene Unternehmen oder die eigene Marke betreffen, am liebsten unsichtbar machen. Aber gerade Branchen- und vor allem Konjunkturkrisen bieten die Chance sich als Branchensprecher zu etablieren. So sind die Medien oft mehr an Konjunkturkrisen als an Konjunkturaufschwüngen interessiert. Gleichzeitig kann man dieses Interesse nutzen, um sich dann als Ansprechpartner Nr. 1 für die Branche zu präsentieren und etablieren.

Fazit: Viele Marken und Unternehmen verschenken nicht nur PR-, sondern vor allem auch Marken- und Marktpotenzial, weil man dem Thema „Themenführerschaft“ zu wenig Beachtung schenkt. Das sollte nicht sein, denn Themenführerschaft führt in vielen Fällen zur dauerhaften Marktführerschaft. Das gilt für große, mittlere und auch kleine Unternehmen, wenn man es richtig macht.

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Brand Decluttering oder der strategische Ausblick auf 2024

Viele Unternehmen definieren in den nächsten Wochen und Monaten im Detail ihre konkreten Jahresziele für 2024. Diese sind je nach Marktausblick und Unternehmen einmal mehr und einmal weniger ambitioniert. Eines aber haben die meisten gemeinsam: Sie sind von Wachstum geprägt. Gleichzeitig wird in vielen Unternehmen Wachstum automatisch mit „Mehr“ gleichgesetzt.

Die „Mehr ist mehr“-Logik versus …

So geht es in vielen dieser Jahresmeetings letztendlich um mehr neue Produkte und Dienstleistungen, mehr Zielgruppen und mehr Vertriebskanäle, um die Kunden ganzheitlich zu erreichen Aber genau dieses „Mehr“ führt, wenn es sukzessive übertrieben wird, dazu, dass Marken in der Wahrnehmung der Kunden an Profil, Einzigartigkeit und damit letztendlich an Anziehungskraft verlieren.

Übereinfacht ausgedrückt: Wenn jede Marke in einem bestimmten Markt oder Marktsegment, alles für alle anbietet, dann werden sich zwangsläufig aus Kundensicht alle Marken in diesem Markt oder Marktsegment ähnlicher. Gleichzeitig gewinnt damit aber der tiefe Preis als Auswahlkriterium. Genau diese Entwicklung hatten und haben wir: Wenn Kunden heute vor dem Regal stehen, verlieren sie immer öfter im Überangebot den Überblick und entscheiden sich dann oft spontan aufgrund von Preisaktionen.

Das ist der kurzfristige Effekt. Der längerfristige Effekt: Die Kunden werden so immer mehr zum Preis- und Promotionkäufer erzogen. Dazu schreiben Peter Haller und Wolfgang Twardawa in ihrem Buch „Building Best Brands“: „Sehr eindrucksvoll ist der empirisch gesicherte Nachweis, dass Preispromotions Markenkäufer zu Promotionkäufer erziehen. … Besonders beunruhigend an dieser Situation ist, dass der Status des Promotionkäufers die Vorstufe zum Abstieg ins Handelsmarkensegment ist.“

… die „Weniger ist mehr“-Logik

Nur wenige Unternehmen stellen sich in dieser Situation bewusst die Frage, wie man mit weniger mehr Wachstum und vor allem mehr Profit erzielen kann. Genau darum geht es beim Thema Brand Decluttering. Aktuell ist Decluttering nicht nur im privaten Leben ein heißer Trend, auch Marken können enorm vom „Ausmisten“ profitieren.

Dabei geht es beim Brand Decluttering oft gar nicht darum, dass man sofort radikal ausmistet, sondern dass man einmal Kräfte zum Beispiel auf ein Leadprodukt fokussiert. So kann ein einzelnes Produkt oder auch eine einzelne Dienstleistung enorm viel für eine Marke in Summe tun. Typische Beispiele für diese Art der Leadprodukte waren und sind der BMW 1500 in den 1960er Jahren für BMW, der 911er Porsche für Porsche in den 1990er Jahren, das Modell Duke für KTM, das Koffeinshampoo für Alpecin, der Lachgummi für Nimm 2, das Samsung Galaxy für Samsung oder iPod, iPhone und iPad für Apple.

Den Fokus verengen

Heißt: Viele Marken würden heute enorm davon profitieren, wenn man den Mut hätte, das eigene Markenportfolio einmal mit der „Weniger ist mehr“-Brille unter die Lupe zu nehmen. Nur das ist – vor allem psychologisch gesehen – alles andere als einfach. Etwas wegnehmen oder sich von etwas trennen müssen, löst in unserem Gehirn immer Schmerz aus. Das gilt auch dann, wenn man sich gezwungen sieht, eine eigene Meinung aufgeben zu müssen. So gesehen ist es verständlich, dass es vielen Entscheidern schwer fällt, von einer gängigen „Mehr ist mehr“-Philosophie auf eine „Weniger ist mehr“-Philosophie zu wechseln. Nur genau darin kann die große Chance für Ihre Marke und Ihr Unternehmen liegen. Denn die richtige Verengung des Fokus führt in der Regel zu einer stärkeren Position in der Wahrnehmung und dann am Markt.

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Nie mit der eigenen Marke starten

Markenerfolg ist keine Einbahnstraße. Vielmehr ist der mentale Kontext aus Sicht der Kundenwahrnehmung entscheidend. Für einen Manager oder eine Managerin mag die eigene Marke ein zentraler Berufs- und damit Lebensmittelpunkt sein. Für die meisten Menschen sind Marken je nach Situation im mentalen Kontext einmal mehr oder auch weniger wichtig und relevant. Genau deshalb sollte man einen Markenprozess nie, wirklich nie mit der eigenen Marke, sondern immer mit dem mentalen Kontext aus Kundensicht starten. Dabei sollte man aber klar zwischen dem strategischen und dem operativen Kontext unterscheiden.

Der strategische mentale Kontext

Beim strategischen Kontext geht es darum, ob man aus Sicht der Kundenwahrnehmung als erste Wahl oder zweite Wahl, als nur ein weiterer Anbieter oder ob man vielleicht gar nicht wahrgenommen wird. Das heißt: Hier geht es also vor allem um das kollektive Gedächtnis. Heißt aber auch: Ein wahrgenommener Marktführer muss anders denken und handeln als ein Herausforderer, ein Mitläufer oder ein Start-up-Unternehmen.

Spannend dabei ist auch, dass es in immer mehr Märkten keine klar wahrgenommenen Marktführer, speziell auch in den jüngeren Zielgruppen mehr gibt. Die aus Markensicht fatale Folge dieser Entwicklung: Damit werden sich in Summe Marken selbst und auch Eigenmarken immer ähnlicher und der tiefe Preis immer wichtiger. (Viele Markenverantwortliche haben dazu durch unzählige Markendehnungen einen wesentlichen Beitrag geleistet. So wurde und wird etwa auch Sony, wenn man von der Playstation absieht, immer mehr von einer „Must have“-Marke zu einer „Nicht schlecht, wenn’s drauf steht“-Marke. Oder kennen Sie ein Produkt von Sony, wenn man von der Playstation absieht, dass man unbedingt auch von Sony haben muss?)

Der operative mentale Kontext

Beim operativen Kontext wiederum geht es darum, wie man die eigene Marke und vor allem auch die eigene Markengeschichte präsentiert. Hier geht es darum, dass man wirklich Teil des Lebens der Verbraucher wird. Nur wenn man sich heute ansieht, wie Marken kommunizieren, dann hat man oft den Eindruck, dass diese Marken lieber in einer eigenen hyperkreativen Werbe- oder Social-Media-Welt leben, statt aktiv den Bezug zum Leben der Verbraucher zu suchen.

Schlimmer noch: Wenn man sich heute Markenkommunikation ansieht, dann dürfte die kumulative Wirkung der Kommunikation immer weniger Rolle spielen. Oft gewinnt man den Eindruck, dass jede Kommunikation ein „Meisterwerk“ für sich alleine sein sollte, das dann auch im Sinne des Performance-Marketings isoliert bewertet wird. Nur genau so verschenkt man leider in vielen Fällen die kumulative Macht und Kraft der Kommunikation. Wie man es machen sollte, zeigt Red Bull. So ist man seit 1987 immer unverkennbar gleich der Original-Energydrink, der Flügel verleiht. (Wie viele Marken zeigen heute noch diese Konsequenz in der Markenführung, um die eigenen Kunden dauerhaft zu bestätigen und um neue Kunden zu gewinnen?)

It’s a Mindgame

So gesehen kann oder sollte man Markenführung sehr wohl als „Mindgame“ sehen und verstehen. Nur das ist in der Praxis oft alles andere als einfach, weil das Management in vielen Fällen Entscheidungen lieber alleine aufgrund der harten Zahlen, Daten und Fakten als aufgrund der Wahrnehmung der Kunden trifft. Verstärkt wird dieses Problem noch dadurch, dass viele Entscheider glauben, dass man die Wahrnehmung der Kunden einfach mit ein wenig Werbung ändern kann.

Nur ist es in der Praxis sehr viel einfacher intern im Unternehmen etwas zu verändern, als das Weltbild der Kunden zu verändern. Denn aus Kundensicht ist das Umlernen nicht nur schwieriger als das Neulernen, sondern auch ein Extraaufwand für das Gehirn und den Körper. So gesehen lassen viele Unternehmen heute enormes Markenpotenzial liegen, weil man den mentalen Kontext sowohl strategisch als auch operativ unterschätzt. In diesem Sinne: Context Matters: Vom mentalen Kontext zum dauerhaften Marken- und Markterfolg!

PS dazu: Am 14. November werde ich zu diesem Thema einen Workshop bei der Jetzt Branding Konferenz in Wien halten.  (https://branding.jetzt-konferenz.at/programm/)

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Im Schatten des Marktführers und der große Markenwerte-Irrglaube

In vielen Marken-Workshops mit diversen Agenturen und Beratern geht es immer und immer wieder um Attribute und Eigenschaften, um Werte und natürlich um Kundennutzen. Je nach Modell oder Herangehensweise werden dann jeweils drei, fünf oder sogar mehr Begriffe definiert und dann oft im Sinne des Markenkerns oder der Markenpositionierung wieder auf einen Begriff reduziert. Das Ergebnis ist in der Regel ein mehr oder weniger umfangreiches Markenstatement, das dann wieder in vielen Fällen auch die Basisunterlage für das Agenturbriefing ist. So weit. So gut.

Der Nächste bitte oder …

Wenn das Ganze aber dann nicht den erwünschten Erfolg erzielt, wird diese Übung mit einer anderen Agentur oder einem anderen Berater wiederholt. Ein typisches Beispiel dafür dürfte Opel sein. So hat man in den letzten 25 Jahren immer wieder verschiedene Markenwerte kommuniziert, die sich dann auch in diversen Slogans und Werbeauftritten widergespiegelt haben.

So hieß es einmal, dass Opel für Qualität, Kreativität, Vielseitigkeit, Dynamik und Partnerschaft stehe. In weiterer Folge reduzierte man dann diese fünf Werte auf die folgenden drei: bezahlbare Nutzeninnovationen, zukunftsorientiertes Design und Rolle der Mitte in unserer Gesellschaft. In der Ära von Tina Müller definierte sich Opel dann über „deutsche Ingenieurskunst“, „emotionales Design“, „digitale Vernetzung“ und „Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“. Daraus wurde dann, dass die Marke für deutsch, nahbar und begeisternd stehe. Aktuell fallen gemeinsam mit der Marke immer wieder folgende Werte, nämlich deutsche Markenqualität und Präzision, Offenheit und Menschlichkeit sowie jugendliche Dynamik.

Zudem hatte man in den letzten Jahrzehnten jede Menge an Slogans wie etwa „Technik, die begeistert“, „Wir haben verstanden“, „Bessere Autos für eine bessere Umwelt“, „Frisches Denken für bessere Autos“, „Entdecke Opel“, „Autos zum Leben“, „Die Zukunft gehört allen“ oder „Geboren in Deutschland. Gebaut für uns alle“. Dazu kam dann noch die „Umparken im Kopf“-Kampagne.

… der große übersehene Punkt

Was in diesem Kontext gerne übersehen wird, ist, dass es einen großen Unterschied macht, ob man diese Markenwerte-Übung mit einem starken wahrgenommenen Marktführer oder mit einem Nicht-Marktführer macht, der im Schatten eines starken wahrgenommenen Marktführers steht. Dabei lautet die einfache Kernerkenntnis: Für einen starken wahrgenommenen Marktführer funktioniert so gut wie alles. Für einen Nicht-Marktführer, der im Schatten eines starken wahrgenommenen Marktführers steht, funktioniert so gut wie fast gar nichts.

Bleiben wir bei Opel! Das Hauptproblem von Opel ist mit Sicherheit nicht, dass man die falschen Werte, Eigenschaften oder Nutzen jeweils definiert hat. So macht es aus Kundensicht wenig Unterschied, ob man einmal auf die Kernwerte Qualität, Kreativität, Vielseitigkeit, Dynamik und Partnerschaft oder auf die Kernwerte deutsch, nahbar und begeisternd oder auf die Kernwerte deutsche Markenqualität und Präzision, Offenheit und Menschlichkeit sowie jugendliche Dynamik setzt. (Im Endeffekt haben die meisten Menschen von diesen Werten nie etwas mitbekommen, geschweige denn diese Werte jemals mit Opel wirklich verbunden.)

Das (weiterhin ungelöste) Hauptproblem von Opel war und ist, dass man im mentalen Schatten von VW steht, dass man nur als maximal weitere gute Automobilmarke wahrgenommen wird. (Frage an Sie: Haben Sie aufgrund dieser oben genannten häufig geänderten Werte und Eigenschaften, den diversen Slogans und Kampagnen jeweils Ihre Meinung über Opel grundlegend verändert? Weitere Fragen dazu: Haben Sie diese Werte überhaupt gekannt? Und hätten Sie überhaupt die Zeit, die vielen Markenwerte diverser Marken zu lernen, die man Ihnen gerne aufs Auge oder ins Gehirn drücken möchte?)

Die eigene Markt- und Themenführerschaft definieren

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Markenwerte sind wichtig, um Marken strategisch und operativ nach außen und innen in die Zukunft zu führen. Nur bevor man die eigenen Markenwerte definiert, sollte man zuerst sicherstellen, dass man eine eigene Führungsposition in den Köpfen der Kunden hat. Das heißt: Man sollte mit der Positionierung mit dem klaren Ziel einer eigenen Spitzenstellung starten. Erst dann gilt es die Werte zu definieren, die sicherstellen, dass die Marke im Sinne dieser Führungsposition nach außen und innen in die Zukunft geführt wird.

Nur leider läuft es in der Praxis oft genau umgekehrt ab. Zuerst werden die Markenattribute, Markenwerte und Markennutzen gemeinsam entwickelt und abgeleitet, dann versucht man diese Ansammlung an rationalen und emotionalen Begriffen (verzweifelt) in eine Positionierung zu verdichten und zu übersetzen. Nur genau das endet, wie oben erwähnten, in oft endlosen Versuchen, die eigene Marke auf den Punkt zu bringen. Schade! Viele Marken verkaufen sich so nicht nur dauerhaft unter ihrem möglichen Wert und Potenzial, sondern verschenken auch jede Menge Zeit, Energie und Geld.

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Medienrevolutionen: Wiener Zeitung und die Medien- und Markenlandschaft der Zukunft

Dieses Monat war sicher neben Threads von zwei weiteren Nachrichten aus der Medienlandschaft geprägt. Auf der einen Seite ging es um die letzte Printausgabe der Wiener Zeitung, der ältesten noch bestehenden Tageszeitung der Welt. Auf der anderen Seite präsentierte Brand Finance die 50 wertvollsten Medienmarken der Welt.

Die Werte der Zukunft

Wenn man sich diese 50 wertvollsten Medienmarken ansieht, dann stechen klar zwei Punkte ins Auge:

(1) In den Top 10 findet man nur amerikanische und chinesische Marken. Von Europa keine Spur. Angeführt wird das Ranking von Google, gefolgt von TikTok, Facebook, WeChat, Disney, Instagram, Tencent, YouTube, Netflix und LinkedIn. Das sind die Top 10. Aus europäischer Sicht findet man nur 5 Marken in diesem Ranking, nämlich Sky (Platz 13), Spotify (21), BBC (31), ITV (42) und Penguin (50).

(2) Abgesehen vom Namen Disney handelt es sich in den Top 10 rein um sogenannte Start-up-Unternehmen. Hier findet wenig Nostalgie, sondern fast nur digitale Zukunft statt.

Von der nationalen zur globalen Medienrevolution

Nur damit ergibt sich auch ein neues Bild über die Medienentwicklung generell, das auch die Markenführung der Zukunft extrem beeinflussen wird. Fanden früher Medienrevolutionen, wie etwa auch die Wiener Zeitung im Jahr 1703 regional oder national statt, finden die Medienrevolutionen der Zukunft im Internet global statt.

Egal ob man sich den Zeitungs-, Zeitschrift-, Kino-, Radio- oder Fernsehmarkt ansieht, so war dieser immer regional oder maximal national geprägt. Jedes Land hatte so seine eigene spezifische Medienlandschaft. Waren es in Österreich – übervereinfacht ausgedrückt – in der Zeitungslandschaft Krone, Kurier, Standard und Presse, waren es in Deutschland Bild, FAZ und Süddeutsche.

Vom Länder- zum Communitydenken

Nur damit waren auch internationale Markenstrategien national geprägt. So erforderten auch globale Strategien nationale Medienpläne und damit auch angepasste Werbekampagnen. Im Internet sieht dies anders aus. Hier wird dieses Länderdenken immer öfter von Kanal- und Communitydenken abgelöst. Nehmen Sie etwa aktuell Shein, das vor allem via TikTok die Modewelt im Flug erobert. So gesehen war diese letzte Woche aus europäischer Sicht doppelt bedenklich. Auf der einen Seite ging ein weiteres traditionelles Medium verloren, gleichzeitig zeigen die Top 50 wie wenig Europa in der globalen Medienlandschaft der Zukunft vertreten ist.

Erschien im Original auf Leadersnet.at

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Meta, Threads und der Faktor Timing

„THREADS: Meta startet Konkurrenz zu Twitter“, „70 Millionen Nutzer: Traumstart für Twitter-Konkurrent Threads von Meta“, „Threads tötet Twitter“, „Meta startet Threads: So funktioniert der Twitter-Konkurrent“, Metas „Threads“ will Twitter Konkurrenz machen“, „Zuckerbergs neue App: Deshalb könnte Threads Twitter gefährlich werden“ oder „Musk mit Rücken an der Wand: So will Facebook Twitter ausstechen“. Das waren nur einige Headlines in der letzten Woche über das große potenzielle Duell Zuckerberg versus Musk. Nur aus Markensicht sollte man Threads aus zwei Blickwinkeln betrachten.

Der Mikro-Blickwinkel

Beim Mikro-Blickwinkel geht es darum, ob es Threads wirklich schaffen kann, dass man die erste Alternative zu Twitter wird oder ob man sogar Twitter als Marktführer ablösen kann. Das ist sicher aktuell wahrscheinlich die Frage Nr. 1, wie auch die oben zitierten Schlagzeilen zeigen. Dabei kann natürlich niemand die genaue Zukunft vorhersagen. So wird der Erfolg von Threads von der eigenen Strategie und von der Strategie von Twitter abhängen.

Wenn sich Twitter als Marktführer richtig verhalten wird, dürfte es für Threads mehr als nur schwer werden. Wenn sich Threads als Herausforderer richtig verhält und Twitter strategisch und operativ weiter immer wieder schwächelt, könnte es anders aussehen. Was aber sicher ist, dass medial sowohl Elon Musk als auch Mark Zuckerberg kurzfristig profitieren werden. Damit ist für Meta alles möglich: Entweder wird Threads eine weitere erfolgreiche Marke im Mehr-Markensystem neben Facebook, Instagram und WhatsApp oder Threads wird als Flop a la Google+ sanft wieder entschlafen.

Der Makro-Blickwinkel

Viel entscheidender aus Markensicht ist aber der Makro-Blickwinkel, bei dem es in Summe um Meta und das Markensystem von Meta geht. Und aus diesem Blickwinkel betrachtet, dürfte Threads, egal ob zukünftig erfolgreich oder nicht, mehr Schaden als Nutzen anrichten. Warum?

Bei starken Markensystemen geht es nicht nur darum, dass man erfolgreiche Marken besitzt, um einen spezifischen Markt mit mehreren Marken wirklich zu dominieren. Es geht vor allem auch darum, dass starke Markensysteme immer zeitlich ausbalanciert sein sollten. Starke Markensysteme sollten so immer Marken der Gegenwart und Marken der Zukunft umfassen. (Natürlich gibt es immer wieder auch Marken der Vergangenheit, die man auslaufen lassen oder verkaufen sollte.)

Damit kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Mit Threads fokussiert sich Meta mit Sicherheit mehr auf die Gegenwart oder sogar Vergangenheit als auf die Zukunft. Twitter stellte auch mit Sicherheit nie eine Bedrohung für Meta oder eine der Meta-Marken dar. Viel wichtiger wäre es heute für Meta, dass man, wenn man das eigene Markensystem erweitern möchte, eine neue Marke mit Zukunft baut, statt zu versuchen, mit einer neuen Marke einen bereits etablierten Markt vielleicht einmal zu dominieren.

Der vernachlässigte Zukunftsfokus

Was Mark Zuckerberg beruhigen mag, ist, dass viele etablierte Mehr-Marken-Systeme viel zu sehr auf die Gegenwart oder sogar Vergangenheit ausgerichtet sind. Das gilt etwa auch für GM, VW oder Stellantis, die mehr damit beschäftigt sind, bestehende Marken zu elektrifizieren statt neue Elektroautomarken zu bauen.

Mit Facebook, Instagram und WhatsApp setzte man bei Facebook, jetzt Meta immer auf neue Kategorien und neue Marken. Mit Threads verlässt man dieses Strategiemuster. So ist zwar auch Threads eine neue Marke, aber mit dem Fokus auf eine bereits etablierte Kategorie mit einem etablierten Marktführer. Wahrscheinlich hätte man diese Energie und diese Ressourcen besser einsetzen können und sollen. Die Zukunft wird es zeigen.

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