„MARKE machen!“: Das längst überfällige neue Standardwerk der Markenführung

Wenn man sich heute die Welt der Marken- und Marketingbücher ansieht, dann kann man diese grob in zwei Kategorien einteilen: (1) Standardwerke, die immer und immer wieder erweitert und upgedatet werden. (2) Werke, die vor allem die Konzepte, Strategien und Ideen der Autoren vermarkten wollen. Beides ist absolut verständlich, richtig und nachvollziehbar. „MARKE machen!“ von Karsten Kilian unterscheidet sich dreifach positiv und genau das macht den Wert dieses Buches aus:

(1) Es ist keine weitere upgedatete Version eines Standardwerks: Speziell die Ära des Internets und der Sozialen Medien hat danach „geschrien“, dass es endlich ein Markenstandardwerk gibt, dass diese Entwicklung ganzheitlich darstellt und nicht als Stückwerk einfach hinzugefügt wird. Das ist Karsten Kilian mit Sicherheit gelungen. Dieses Buch spiegelt wirklich aktuell und ganzheitlich die moderne Markenwelt mit all ihren Facetten wider. Es geht von der Wichtigkeit der Marke generell über Themen wie Purpose, Positionierung, Namensgebung, Internal Branding bis hin zu Markenkooperationen und Influencern. Nebenbei deckt er auch noch zur Abrundung den rechtlichen Aspekt der Marke ab.

(2) Es geht nicht um eine neue Idee oder Weltanschauung eines Markenexperten, egal ob aus der Wissenschaft oder Praxis, sondern es geht ihm wirklich darum, die aktuelle Markenwelt umfassend und praxisorientiert darzustellen. Dazu hat er auch auf die Hilfe von 27 Studierenden seines Masterstudiengangs  zurückgegriffen. (Diese werden auch namentlich und mit Foto im Buch extra erwähnt.) Zudem, und das ist extrem wichtig, zeigt er auch klar die Wichtigkeit des Themas Marke in Summe für die Unternehmensführung auf.

(3) Es bietet eine perfekte Grundlage für ein umfassendes Markenwissen mit vielen konkreten „Hilfestellungen“. Das Ziel der meisten Standardwerke ist es, vor allem die jeweils aktuelle Theorie umfassend darzustellen. Karsten Kilian selbst spricht nicht von einem Standardwerk, sondern von einem Praxisbuch für Markenmacher. Aus diesem Grund beinhaltet dieses Werk auch viele Tools für die praktische Markenarbeit, wie etwa den BEST-Ansatz, die KURS-Kriterien oder die ZEBRAS-Methode.

Wertvoll für Theorie und Praxis

Fazit: Was dieses Buch für die Markentheorie und Markenpraxis so wertvoll macht, ist die umfassende aktuelle Darstellung des Themas Marke, die gleichzeitig immer wieder um hilfreiche Tools für die konkreten Aufgaben in der Markenführung ergänzt wird. Vielleicht mag mancher Markentheoretiker die Nase über den Stil des Markenbuches rümpfen, weil es zu wenig „theoretisch“ ist, nur genau das macht es so gut lesbar, ohne an inhaltlicher Tiefe und inhaltlichem Wert zu verlieren. Erwarten Sie also nicht einen trockenen „Markentheorieschinken“, sondern ein wirklich gut lesbares, umfassend darstellendes neues Standardwerk der Markenführung mit vielen praxisorientierten Tools. Punkt!

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Gaming, Smartphone und eine Erinnerung an Al Ries

„Verspielte Gesellschaft“ lautete eine Headline in der Tageszeitung Der Standard vom 14./15. Oktober 2023. In diesem Artikel hieß es unter anderem: „41 Prozent spielen nämlich nicht zu Hause auf dem PC oder einer Spielkonsole, sondern auf dem Smartphone.“ Bei diesen Zeilen musste ich an einen Workshop im Jahr 2018 denken.

Das Smartphone mit …

Damals vor fünf Jahren hielt ich ein 1 ½ – Tagesseminar für eine chinesische Smartphone-Marke in London zum Thema „Die wichtigsten Prinzipien der Markenpositionierung“. Bei diesem Seminar diskutierten wir – basierend auf diesen Prinzipien – den Smartphone-Markt generell und natürlich die spezifische Ausgangssituation dieser Marke.

Damals wie heute war Samsung mit dem Galaxy die Nr 1 in den Marktanteilsstatistiken gefolgt von Apple mit dem iPhone. In der Wahrnehmung war damals wie heute das iPhone der Maßstab aller Dinge. Auf Platz 3 lag 2018 Huawei mit dem Fokus auf Kameras und Leica als Ingredient Brand. Mein Klient war in Europa „nur ein weiterer Anbieter“. 

… dem Gaming-Plus

Nach dem ersten Tag war meine klare Empfehlung, dass mein Klient sich ebenfalls auf eine mental freie Idee fokussieren sollte, um so aus dem unprofilierten Mittelfeld auszubrechen. Dazu entwickelten Al Ries und ich via E-Mail am Abend eine gemeinsame Idee.

Da mein Klient eine eher männliche Zielgruppe hatte und vor allem auf Performance setzte, empfahlen wir den Fokus auf Gaming zu legen. Aus meiner Erstidee „Das Smartphone mit dem ultimativen Gaming-Modus“ wurde dann gemeinsam mit Al „Das Smartphone mit dem ultimativen Gaming-Plus“.

Die unterschätzte Macht der Fokussierung

Leider war meinem Klienten diese Idee „zu eng“. Man wollte sich nicht fokussieren, speziell auch, weil man das Thema Gaming als zu klein ansah. Nur ohne klaren Fokus ist es in einem Markt, der von damals drei Marken dominiert wurde, extrem unwahrscheinlich, dass man eine starke Position in der Wahrnehmung der Kunden und dann am Markt entwickeln kann. Schade! Wahrscheinlich könnte diese Marke heute eine starke Nummer 3 sein, nachdem Huawei die Unterstützung von Google und folglich diese Nummer 3-Position verloren hat.

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Österreich im Vorwahlkampf oder Herbert Kickl auf den strategischen Spuren von Donald Trump

Letzte Woche waren Jens Hansen, ebenfalls Leadpartner bei Ries und ich auf „Deutschland-Tour“. Dabei war in Bayern unübersehbar, dass demnächst gewählt wird. Aber auch Österreich scheint nach der Sora-Panne der SPÖ, der Hamburger-Panne von Karl (Mc)Nehammer und der Afghanistan-Panne der FPÖ in einer Art „Vorwahlkampf“ zu sein. So fordern speziell die Freiheitlichen unter Herbert Kickl im Umfragehoch immer wieder sofortige Neuwahlen.

Entweder-oder oder …

Dabei dürfte sich Kickl, wenn man sich seine Strategie aus Markensicht ansieht, einige Anleihen bei Donald Trump aus dem Jahr 2015 genommen haben. Damals befanden sich die Republikaner generell in der Oppositionsrolle und speziell im Vorwahlkampf für das Präsidentenamt.

In diesem damaligen Vorwahlkampf der Republikaner traten in Summe 19 Kandidaten an, einer davon war Donald Trump mit Außenseiterchancen. Nur sind 19 Kandidaten mit unzähligen politischen Botschaften viel zu viel für die Wahrnehmung. Unser Gehirn liebt „Entweder-oder-Entscheidungen“, wie „Wein oder Bier“, Weißwein oder Rotwein“ oder „Kaffee oder Tee“.

Genau hier schaffte es Donald Trump frühzeitig, dass er den Eindruck erzeugte, dass man zwischen ihm und 18 „Parteigängern“ wählen kann, also eine klare Entweder-oder-Entscheidung. Zudem hatte er als einziger mit seiner Forderung nach einer Mauer zwischen den USA und Mexiko eine verbal-visuelle Botschaft.

… der große Kickl-Vorteil

Genau hier beginnen aktuell die strategischen Parallelen zur FPÖ und Herbert Kickl. So fordert Herbert Kickl zwar keine Mauer, dafür aber eine „Festung Österreich“. Gleichzeitig setzt er alles daran, dass es nur eine Alternative zu den herkömmlichen Parteien gibt, nämlich die FPÖ.

Genau damit bringt er nicht nur sich selbst und die FPÖ in Stellung für die nächste Nationalratswahl, er macht sich so zum Teil der großen „Entweder-oder“-Entscheidung, entweder herkömmliche Partei oder FPÖ. Gleichzeitig beginnt damit aber das strategische Dilemma vor allem für die ÖVP und die SPÖ. Denn nur eine dieser beiden Parteien kann es schaffen, dass man als der eine Widerpart zur FPÖ gesehen werden kann und wird.

Den Kanzler-Bonus nutzen

Hier hat die ÖVP einen mentalen Startvorteil, weil man aktuell den Kanzler stellt. Nur sollte man diesen Bonus aktiv nutzen und sich nicht selbst immer wieder torpedieren. Schwieriger wird es hier für die SPÖ, speziell da auch Forderungen wie die 32-Stunden-Arbeitswoche und eine Reichensteuer dafür zu wenig sein werden, um wirklich als echte Alternative über den eigenen (linken) Parteikern hinaus gesehen zu werden.

Aktuell hat Herbert Kickl nicht nur die bessere Strategie aus Sicht des Politikmarketings, er kann sich zudem darüber freuen, dass die etablierten Parteien mit ihren diversen Pannen, Ausrutschern und Fettnäpfchen auch Tag für Tag seine idealen Wahlhelfer sind. So gesehen sollten ÖVP, SPÖ, Die Grünen und auch die NEOS vorsichtig sein, sich gegenseitig in einer Art „Dauerwahlkampf um Umfragewerte“ schlecht zu machen. Natürlich mag es kurzfristig befriedigend sein, wenn man entweder die ÖVP, die SPÖ oder auch Die Grünen am falschen Fuß erwischt, nur längerfristig macht man so nur Herbert Kickl und die FPÖ stärker.

Fazit aus Markensicht: Aktuell sollten wahrscheinlich alle Parteien außer der FPÖ ihre Strategien überdenken, um operativen Aktionismus endlich durch eine klare Zukunftsstrategie zu ersetzen. (Die ÖVP hat dies strategisch mit „Glaub an Österreich“ gerade eben erst versucht, um es dann sofort operativ mit der „Hamburger-Panne“ selbst zu torpedieren.)

PS: Langfristig betrachtet dürfte vor allem die Hamburger-Panne der ÖVP im kollektiven Gedächtnis hängenbleiben, da diese am meisten, wie auch die diversen Social-Media-Reaktionen zeigen, Potenzial für kreative Wort- und Bildspiele bietet.

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E-Mobilität oder Marken- versus Modellwettbewerb

Rund um die IAA in München rückt das Thema Mobilität und speziell die E-Mobilität wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Dabei geht es, wie es aussieht, um eher vage Zukunftspläne der europäischen Autoerzeuger, aber vor allem um die potenzielle Herausforderung oder Bedrohung durch chinesische Autoerzeuger. Spannend dabei ist, dass anscheinend weiterhin außer Tesla und vielleicht Polestar niemand am Aufbau einer wirklich starken E-Auto-Marke interessiert ist. Vielmehr dürfte es den meisten Erzeugern darum gehen, kurz- und vielleicht auch mittelfristig mit Modellen alleine zu punkten. Nur das könnte sich langfristig gesehen bitter rächen.

Das Auf und Ab von Modellen

Starke Marken sollten für Stabilität in der Kundenwahrnehmung und am Markt sorgen. Nur wenn man sich den Markt für Elektroautos ansieht, gibt es aktuell nur einen echten stabilen Faktor und das ist Tesla. Dazu können Sie ein kleines Selbstexperiment machen und sich die Frage stellen, wie Sie die Top 10 Elektroautomodelle in Europa ranken würden. (Wahrscheinlich tippen Sie aufgrund des Heiligenschein-Effekts auf zu viele Modelle von Premiummarken und unterschätzen eine chinesische Marke total.)

Dazu sollten wir uns die Neuzulassungen bei Elektroautomodellen in Europa seit 2020 einmal näher ansehen:

     2020                 2021                      2022                      6/2023

1.  Renault Zoe       Tesla Model 3         Tesla Model Y        Tesla Model Y

2.  Tesla Model 3    Renault Zoe            Tesla Model 3         Tesla Model 3

3.  VW ID.3            VW ID.3                 VW ID.4                 VW ID.3

4.  Hyundai Kona    VW ID.4                 Fiat 500                VW ID.4

5.  VW eGolf          Kia Niro                  VW ID.3                 Fiat 500

6.  Peugeot 208      Fiat 500                  Skoda Enyaq          MG 4 

7.  Kia Niro             Skoda Enyaq          Dacia Spring           Dacia Spring

8.  Nissan Leaf       Hyundai Kona         Peugeot 208           Volvo XC 40

9.  Audi e-tron        Peugeot 208           Hyundai Kona         Peugeot 208

10. BMW i3            VW Up                   Kia Niro                  Skoda Enyaq

„in“ und „out“ versus „stabil“

Wer sich nur auf Modelle verlässt, ist in diesem Wettbewerb schnell einmal „in“, aber auch schnell einmal „out“. So gesehen muss die europäische Autoindustrie befürchten, dass der nächste stabile Faktor neben Tesla in der Elektromobilität MG heißen wird. Nur das liegt weniger an den Stärken und der Positionierung dieser wiederbelebten Marke, sondern viel mehr an den Schwächen und an der mangelnden E-Auto-Positionierung der etablierten Automarken. (Was wird man sich wohl bei Nissan denken, die jahrelang mit dem Modell Leaf die Nr. 1 in den Marktanteilsstatistiken, aber nie als Marke die Nr. 1 in der Wahrnehmung wurden? Nissan steht für Auto und nicht für Elektroauto.) 

So gesehen könnte es jetzt noch einmal gefährlicher für die etablierten Automarken werden, da jetzt das erste Mal eine chinesische Automarke – speziell auch von den Medien – wirklich positioniert wird. Diese Marke ist natürlich BYD als die neue Nr. 1 in China. Dazu hieß es etwa auf Tagesschau.de am 18. April dieses Jahres: „BYD löst VW als Marktführer in China ab“. Dazu noch eine generelle Erkenntnis aus der Markenwelt, die man vielleicht endlich auch in der Automobilindustrie berücksichtigen sollte: „Viele Manager und auch Managerinnen überschätzten das Potenzial bestehender Marken und unterschätzen das Potenzial neuer Marken.“

PS 1: So beruht auch die aktuelle Stärke von VW mit sehr großer Wahrscheinlichkeit mehr auf der Stärke des Vertriebssystems als auf der Stärke der Marke VW in der Elektromobilität. So ist VW auch außerhalb Europas in der E-Mobilität maximal ein Mitspieler.

PS 2: Peugeot hat gerade verkündet, dass man bis 2025 die Nr. 1 bei Elektromobilität werden möchte. Der geplante Weg dorthin: 9 Modelle. Vielleicht sollte man auch bei Peugeot neue E-Auto-Marke statt Modellities denken.

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Regionale Themenführerschaft oder was man von Buchner lernen kann

Wenn man heute an Themenführerschaft in der Welt der Marken und Unternehmen denkt, erinnern sich wahrscheinlich viele an Steve Jobs oder denken heute an Elon Musk. Nur Themenführerschaft funktioniert – richtig gemacht – auch national oder sogar regional. Mehr noch: Viele Unternehmer oder auch Manager lassen enormes Marken- und Marktpotenzial liegen, weil man den Wert von Themenführerschaft für die Marke und das Unternehmen unterschätzt.

Vom Leitthema …

Themenführerschaft bedeutet in diesem Kontext auch immer Fokussierung und Positionierung. Es geht darum, dass man ein zentrales Thema findet, das man immer wieder neu mit Teilthemen im Sinne der Positionierung auflädt. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Buchner, der Holzbaumeister in Oberösterreich.

So hieß es etwa am 9. September dieses Jahres in den Oberösterreichischen Nachrichten: „Die Holzpreise laden zum Bauen ein: Der Zeitpunkt ist günstig, um sich für ein Haus in Holzbauweise zu entscheiden, denn die Holzpreise sind weiter gesunken.“ Das Interessante dabei: Buchner spricht so nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern für die Branche. Aus Kundensicht betrachtet macht man sich so auch subtil zum wahrgenommenen Marktführer.

… zum Branchensprecher

Das heißt: Wenn man über das Thema „Themenführerschaft“ nachdenkt, sollte man immer überlegen, ob es gelingen kann, dass man nicht nur für das eigene Unternehmen, sondern wirklich für die Branche spricht. Nur dazu muss der verantwortliche Unternehmer oder auch Manager persönlich den Mut haben, für die Branche und das Unternehmen aktiv in den Medien einzutreten.

Dies macht etwa Christian Buchner, der Geschäftsführer von Buchner nicht nur verbal, sondern auch visuell seit Jahren konsequent. So trägt er immer einen grünen Pullover, um die Firmenfarbe und die visuelle Positionierung zu verstärken. Speziell auch Start-up-Unternehmen sollten frühzeitig überlegen, auf Themenführerschaft zu setzen, um sich frühzeitig vom Mitbewerb abzusetzen.

Branchenkrisen als PR-Chance

Eine alte Medienweisheit lautet: „Only bad news are good news.“ Genau aus diesem Grund würden sich viele Unternehmen speziell in Krisen, die das eigene Unternehmen oder die eigene Marke betreffen, am liebsten unsichtbar machen. Aber gerade Branchen- und vor allem Konjunkturkrisen bieten die Chance sich als Branchensprecher zu etablieren. So sind die Medien oft mehr an Konjunkturkrisen als an Konjunkturaufschwüngen interessiert. Gleichzeitig kann man dieses Interesse nutzen, um sich dann als Ansprechpartner Nr. 1 für die Branche zu präsentieren und etablieren.

Fazit: Viele Marken und Unternehmen verschenken nicht nur PR-, sondern vor allem auch Marken- und Marktpotenzial, weil man dem Thema „Themenführerschaft“ zu wenig Beachtung schenkt. Das sollte nicht sein, denn Themenführerschaft führt in vielen Fällen zur dauerhaften Marktführerschaft. Das gilt für große, mittlere und auch kleine Unternehmen, wenn man es richtig macht.

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Brand Decluttering oder der strategische Ausblick auf 2024

Viele Unternehmen definieren in den nächsten Wochen und Monaten im Detail ihre konkreten Jahresziele für 2024. Diese sind je nach Marktausblick und Unternehmen einmal mehr und einmal weniger ambitioniert. Eines aber haben die meisten gemeinsam: Sie sind von Wachstum geprägt. Gleichzeitig wird in vielen Unternehmen Wachstum automatisch mit „Mehr“ gleichgesetzt.

Die „Mehr ist mehr“-Logik versus …

So geht es in vielen dieser Jahresmeetings letztendlich um mehr neue Produkte und Dienstleistungen, mehr Zielgruppen und mehr Vertriebskanäle, um die Kunden ganzheitlich zu erreichen Aber genau dieses „Mehr“ führt, wenn es sukzessive übertrieben wird, dazu, dass Marken in der Wahrnehmung der Kunden an Profil, Einzigartigkeit und damit letztendlich an Anziehungskraft verlieren.

Übereinfacht ausgedrückt: Wenn jede Marke in einem bestimmten Markt oder Marktsegment, alles für alle anbietet, dann werden sich zwangsläufig aus Kundensicht alle Marken in diesem Markt oder Marktsegment ähnlicher. Gleichzeitig gewinnt damit aber der tiefe Preis als Auswahlkriterium. Genau diese Entwicklung hatten und haben wir: Wenn Kunden heute vor dem Regal stehen, verlieren sie immer öfter im Überangebot den Überblick und entscheiden sich dann oft spontan aufgrund von Preisaktionen.

Das ist der kurzfristige Effekt. Der längerfristige Effekt: Die Kunden werden so immer mehr zum Preis- und Promotionkäufer erzogen. Dazu schreiben Peter Haller und Wolfgang Twardawa in ihrem Buch „Building Best Brands“: „Sehr eindrucksvoll ist der empirisch gesicherte Nachweis, dass Preispromotions Markenkäufer zu Promotionkäufer erziehen. … Besonders beunruhigend an dieser Situation ist, dass der Status des Promotionkäufers die Vorstufe zum Abstieg ins Handelsmarkensegment ist.“

… die „Weniger ist mehr“-Logik

Nur wenige Unternehmen stellen sich in dieser Situation bewusst die Frage, wie man mit weniger mehr Wachstum und vor allem mehr Profit erzielen kann. Genau darum geht es beim Thema Brand Decluttering. Aktuell ist Decluttering nicht nur im privaten Leben ein heißer Trend, auch Marken können enorm vom „Ausmisten“ profitieren.

Dabei geht es beim Brand Decluttering oft gar nicht darum, dass man sofort radikal ausmistet, sondern dass man einmal Kräfte zum Beispiel auf ein Leadprodukt fokussiert. So kann ein einzelnes Produkt oder auch eine einzelne Dienstleistung enorm viel für eine Marke in Summe tun. Typische Beispiele für diese Art der Leadprodukte waren und sind der BMW 1500 in den 1960er Jahren für BMW, der 911er Porsche für Porsche in den 1990er Jahren, das Modell Duke für KTM, das Koffeinshampoo für Alpecin, der Lachgummi für Nimm 2, das Samsung Galaxy für Samsung oder iPod, iPhone und iPad für Apple.

Den Fokus verengen

Heißt: Viele Marken würden heute enorm davon profitieren, wenn man den Mut hätte, das eigene Markenportfolio einmal mit der „Weniger ist mehr“-Brille unter die Lupe zu nehmen. Nur das ist – vor allem psychologisch gesehen – alles andere als einfach. Etwas wegnehmen oder sich von etwas trennen müssen, löst in unserem Gehirn immer Schmerz aus. Das gilt auch dann, wenn man sich gezwungen sieht, eine eigene Meinung aufgeben zu müssen. So gesehen ist es verständlich, dass es vielen Entscheidern schwer fällt, von einer gängigen „Mehr ist mehr“-Philosophie auf eine „Weniger ist mehr“-Philosophie zu wechseln. Nur genau darin kann die große Chance für Ihre Marke und Ihr Unternehmen liegen. Denn die richtige Verengung des Fokus führt in der Regel zu einer stärkeren Position in der Wahrnehmung und dann am Markt.

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Nie mit der eigenen Marke starten

Markenerfolg ist keine Einbahnstraße. Vielmehr ist der mentale Kontext aus Sicht der Kundenwahrnehmung entscheidend. Für einen Manager oder eine Managerin mag die eigene Marke ein zentraler Berufs- und damit Lebensmittelpunkt sein. Für die meisten Menschen sind Marken je nach Situation im mentalen Kontext einmal mehr oder auch weniger wichtig und relevant. Genau deshalb sollte man einen Markenprozess nie, wirklich nie mit der eigenen Marke, sondern immer mit dem mentalen Kontext aus Kundensicht starten. Dabei sollte man aber klar zwischen dem strategischen und dem operativen Kontext unterscheiden.

Der strategische mentale Kontext

Beim strategischen Kontext geht es darum, ob man aus Sicht der Kundenwahrnehmung als erste Wahl oder zweite Wahl, als nur ein weiterer Anbieter oder ob man vielleicht gar nicht wahrgenommen wird. Das heißt: Hier geht es also vor allem um das kollektive Gedächtnis. Heißt aber auch: Ein wahrgenommener Marktführer muss anders denken und handeln als ein Herausforderer, ein Mitläufer oder ein Start-up-Unternehmen.

Spannend dabei ist auch, dass es in immer mehr Märkten keine klar wahrgenommenen Marktführer, speziell auch in den jüngeren Zielgruppen mehr gibt. Die aus Markensicht fatale Folge dieser Entwicklung: Damit werden sich in Summe Marken selbst und auch Eigenmarken immer ähnlicher und der tiefe Preis immer wichtiger. (Viele Markenverantwortliche haben dazu durch unzählige Markendehnungen einen wesentlichen Beitrag geleistet. So wurde und wird etwa auch Sony, wenn man von der Playstation absieht, immer mehr von einer „Must have“-Marke zu einer „Nicht schlecht, wenn’s drauf steht“-Marke. Oder kennen Sie ein Produkt von Sony, wenn man von der Playstation absieht, dass man unbedingt auch von Sony haben muss?)

Der operative mentale Kontext

Beim operativen Kontext wiederum geht es darum, wie man die eigene Marke und vor allem auch die eigene Markengeschichte präsentiert. Hier geht es darum, dass man wirklich Teil des Lebens der Verbraucher wird. Nur wenn man sich heute ansieht, wie Marken kommunizieren, dann hat man oft den Eindruck, dass diese Marken lieber in einer eigenen hyperkreativen Werbe- oder Social-Media-Welt leben, statt aktiv den Bezug zum Leben der Verbraucher zu suchen.

Schlimmer noch: Wenn man sich heute Markenkommunikation ansieht, dann dürfte die kumulative Wirkung der Kommunikation immer weniger Rolle spielen. Oft gewinnt man den Eindruck, dass jede Kommunikation ein „Meisterwerk“ für sich alleine sein sollte, das dann auch im Sinne des Performance-Marketings isoliert bewertet wird. Nur genau so verschenkt man leider in vielen Fällen die kumulative Macht und Kraft der Kommunikation. Wie man es machen sollte, zeigt Red Bull. So ist man seit 1987 immer unverkennbar gleich der Original-Energydrink, der Flügel verleiht. (Wie viele Marken zeigen heute noch diese Konsequenz in der Markenführung, um die eigenen Kunden dauerhaft zu bestätigen und um neue Kunden zu gewinnen?)

It’s a Mindgame

So gesehen kann oder sollte man Markenführung sehr wohl als „Mindgame“ sehen und verstehen. Nur das ist in der Praxis oft alles andere als einfach, weil das Management in vielen Fällen Entscheidungen lieber alleine aufgrund der harten Zahlen, Daten und Fakten als aufgrund der Wahrnehmung der Kunden trifft. Verstärkt wird dieses Problem noch dadurch, dass viele Entscheider glauben, dass man die Wahrnehmung der Kunden einfach mit ein wenig Werbung ändern kann.

Nur ist es in der Praxis sehr viel einfacher intern im Unternehmen etwas zu verändern, als das Weltbild der Kunden zu verändern. Denn aus Kundensicht ist das Umlernen nicht nur schwieriger als das Neulernen, sondern auch ein Extraaufwand für das Gehirn und den Körper. So gesehen lassen viele Unternehmen heute enormes Markenpotenzial liegen, weil man den mentalen Kontext sowohl strategisch als auch operativ unterschätzt. In diesem Sinne: Context Matters: Vom mentalen Kontext zum dauerhaften Marken- und Markterfolg!

PS dazu: Am 14. November werde ich zu diesem Thema einen Workshop bei der Jetzt Branding Konferenz in Wien halten.  (https://branding.jetzt-konferenz.at/programm/)

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